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In Bad Saarow erinnern nun 24 Messingplatten an einstige Nachbarn, die Opfer der Nazis wurden

Vorerst letzte Stolpersteine verlegt

Sonja Jenning / 13.10.2011, 07:56 Uhr
Bad Saarow (MOZ) Zur Erinnerung an jüdische Einwohner Bad Saarows, die Opfer der Verfolgung im nationalsozialistischen Deutschland wurden, verlegte der Aktionskünstler Gunter Demnig gestern erneut zwei Stolpersteine. Damit gibt es im Kurort 24 Orte der Erinnerung und Mahnung.

„Wir erinnern an Fritz Gerstle, einen früheren Saarower Nachbarn“, mit diesen Worten begann gestern die Verlegung des Stolpersteins im Karl-Marx-Damm, vor den Grundstücken 81 und 83. Ursprünglich waren sie ein Grundstück, das die Nummer 77 trug und am Kronprinzendamm lag. 1921 wurde es von dem Berliner Börsenmakler Fritz Gerstl erworben. Er, seine Frau Ida und sein Sohn Fred (geboren 1925) verlebten auf dem idyllischen Seegrundstück wunderschöne Wochenende, bis 1933 das Grauen über sie hereinbrach. 1934 wurde Fred Gerstl die Börsenzulassung entzogen, es folgten zermürbende Verhöre durch die Gestapo. Ein solches Verhör war auch für den 13. Dezember 1934 angesetzt. Einen Tag zuvor fuhr er mit seinem weißen Cabrio-Buick nach Bad Saarow, schluckte ein Röhrchen des Schlafmittels Veronal und erhängte sich in seinem Haus.

Der vorerst letzte Stolperstein in Bad Saarow wurde kurz darauf ebenfalls im Karl-Marx-Damm, vor einer Brachfläche zwischen de Nummern 27 und 23 verlegt. Dort stand einst die Villa des Börsenmaklers Paul Carl Landshoff. Auch er verlor 1933 seine Zulassung und emigrierte spätestens im Frühjahr 1934 mit seiner Frau Charlotte nach Holland. Nachdem auch dieses Land von den Nazis besetzt wurde, führte ihn die Flucht weiter nach Frankreich und Belgien. Dort wurde er 1940 während einer Razzia verhaftet, an unbekanntem Ort interniert und kehrte nie wieder zurück. Seine Frau, die den Holocaust überlebte, ließ ihn 1950 mit dem Datum 31.12.1942 für tot erklären.

Das Schicksal der beiden Männer hat die Initiative „Jüdische Spuren in Bad Saarow“ recherchiert. Seit 2006 hat diese Gruppe um Christian Pietà insgesamt 280 Namen jüdischer Bürger ermittelt, die mit dem Kurort durch Haus- oder Grundbesitz, Arbeitsverhältnisse oder als Mieter verbunden waren. 53 von ihnen wurden von den Nazis deportiert und ermordet.

Im Jahre 2008 waren die ersten Stolpersteine in Bad Saarow verlegt worden, um „unseren Respekt vor den Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung zum Ausdruck zu bringen“, wie Christian Pietà es formuliert. Die Stolpersteine sind ein Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig, in Bad Saarow hat er insgesamt 24 Steine verlegt. Die gestrige Verlegung wird die vorerst letzte im Kurort sein, teilte Pietà mit. „Für weitere mögliche Adressen sind die Bedingungen vor Ort zu unübersichtlich oder die Straßenverhältnisse zurzeit nicht geeignet“, sagte er. Von ihren umfangreichen Recherchen werden die Mitglieder der Initiative am 20. Oktober, ab 19.30 Uhr, in der Bibliothek im Saarow-Centrum berichten. Ab diesem Tag wird auch das erweiterte und revidierte „Gedenkbuch für die verfolgten und vertriebenen Juden von Bad Saarow 1933-1945“ in der Bibliothek ausliegen. Der Flyer für alle 24 Stolpersteine wird derzeit neu konzipiert und demnächst in der Tourist-Info am Bahnhof erhältlich sein.

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Tills Spiegele 17.10.2011 - 00:45:38

mahnende Stolpersteine

Entsetzlich, man kann doch auf so einen Stolper-Gedenkstein nicht einfach achtlos herum trampeln. Deshalb ist die Idee vom Büßer mit der großen Blumenschale auf dem Bürgersteig bemerkenswert. Besonders den Börsenmaklern eine, ihren "Verdiensten" um das kaiserliche Deutsche Reich angemessen übergroße Blumenschale auf das Mahnmal zu stellen. Mitten auf den Bürgersteig. "Damit alle was davon haben." Von Schuld und Sühne. Schließlich heißen diese mahnenden Kunstwerke ja nicht umsonst "Stolpersteine".

Nachdenker 16.10.2011 - 10:22:28

Der Widerstand gegen Hitler und die Seinen

"Der Widerstand gegen Hitler und die Seinen wird umso stärker, je länger das Dritte Reich zurück liegt." - Johannes Gross (1932-1999) Eine ganze Schuldkult-Industrie lebt heute davon. Wäre es nicht gleichermaßen angemessen, "Stolpersteine" vor Häusern/Kellern anzubringen, in denen während der Bombardierungen im WK2 unschuldige Kinder und Frauen umkamen?

Büßer 15.10.2011 - 23:54:49

mitgekaufte Erbschuld

Oh Gott, welch ein Psychoterror mag es für die Bewohner sein, die ihre Grundstücke redlich und durch Kauf erworben haben: Jedesmal, wenn sie auf die Straße treten, haben sie (allein) die sogenannte Erbschuld eines ganzen deutschen Volkes vor Augen. - Ich würde auf dieses Mahnmal eine große Blumenschale stellen. Dann haben alle was davon.

Siggi 15.10.2011 - 22:15:41

70 jahre danach....

da frag ich mich, wer hier die wirklich ewig gestrigen sind!? was bekommt eigentlich der "künstler" für so einen stein?

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