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Die neue Inszenierung von „Romeo und Julia“ am Potsdamer Hans Otto Theater bietet Shakespeare pur

30.01.2011, 06:13 Uhr - Aktualisiert 30.01.2011, 06:13
potsdam POTSDAM ▪ Shakespeares „Romeo und Julia“ gilt als das große Liebesdrama der Weltliteratur, und ganz auf die Liebe in diesem Stück hat sich Bruno Cathomas konzentriert in seiner Inszenierung für das Hans Otto Theater.Von Christian Schindler

Sie balanciert drei Stunden zwischen Pathos und Albernheit, mit dem überzeitlich wahren Kern der absoluten Liebe, in der Mitte der Extreme von Erhabenheit und Lächerlichkeit.

Pater Lorenzo, der die heimliche Trauung der beiden jungen Liebenden vornehmen wird, ist hier ein philosophierender Conférencier, der schon während des Einlasses mit Zuschauern plaudert und aus seiner Hütte, bestehend aus Büchern als Fundament sowie Küchenutensilien, Bierdosen und Minimadonna immer mal wieder eine ebensolche Dose zischen lässt.

Rotwein wäre vielleicht auch zu vornehm für diesen Klosterbruder, der mit dem Gewicht der Erfahrung und des Wissens die zwei Merkmale kennt, die den Menschen vom Tier unterscheiden, und die zugleich seine stärksten Antriebskräfte sind: Die Liebe, und die Lust an der Zerstörung. Schließlich muss dieser schlaue und klug beobachtende Mann, als den René Schwittay Lorenzo gestaltet, erleben, wie seine eigene Intrige, die die Liebe Romeos und Julias retten und zugleich die verfeindeten Familien der Montagues und Capulets versöhnen soll, tragisch scheitert.

Dieses Scheitern lässt Bühnenbildner Thomas Giger auf einem philosophischen Spielplatz abrollen, der links auf der Bühne eine Anhöhe aus Kunstrasen hat und nach hinten durch ein Raster aus mehrstöckigen Kolonnaden begrenzt wird, dessen Freiräume zugleich die Zimmer des Capuletschen Anwesens sind.

Hier kümmert sich kieksend Elzemarieke de Vos als Mutter Capulet um ihre Julia, die mit dem prinzlichen Paris vermählt werden soll - nur dass Mama von der Anwesenheit des Paris viel mehr erotisch angesprochen wird als Fräulein Tochter. Schließlich weiß Lady Capulet, dass sie eigentlich viel zu jung für ihren Gatten und ihre ganze Ehe ein Fehler ist. Wolfgang Voglers Capulet tut in seiner Borniertheit und Herrschsucht alles, damit das Publikum seine Frau im Recht sieht.

Und nun das berühmteste Liebespaar aller Zeiten: Die Liebe bricht über sie hinein, und sie lässt sie nicht mehr los. Juliane Götz und Eddie Irle psychologisieren nichts in ihre Rollen hinein, die Liebe ist einfach da, und sie reißt sie mit. Das ist Shakespeare pur, und der Kern des Stückes, der zeitlos berührt und provoziert. Mit den beiden verliert jeder mit Pathos geschwängerte Satz seine Lächerlichkeit, und Regisseur Cathomas sorgt dafür, dass wirkliche Lächerlichkeit dagegen deutlich ausgestellt wird. Gleich nach der Begrüßung des Publikums durch Bruder Lorenzo steht das Ensemble in einer Reihe auf der Bühne und malträtiert sich mit Kopfnüssen und Klatschern, die Händel dieser Welt werden zum Kasperle-Theater.

Wie nah an den Comic-Shows des gegenwärtigen Fernsehens Shakespeare war, ist an den Kapriolen zu sehen, die sich die Schläger der beiden Familien liefern. Vor allem Holger Bülows Mercutio imitiert Comic- und andere Witzfiguren, heult sich als Kleinkind durch ein Duell mit Tybalt, bis er, von diesem tödlich verletzt, einen falschen Heldentot stirbt, der in seiner Erhabenheit wiederum jede Komik verbietet. Ob die Menschen es wollen oder nicht, die Kräfte der Zerstörung sind denen der Liebe nicht unterlegen.

So realitätsnah verweigert Cathomas die Versöhnung der beiden Familien angesichts ihrer toten Kinder. Der Prinz von Verona, der diesen Frieden besiegeln könnte, kommt erst gar nicht vor. Diese Inszenierung weiß bei allem Spaß um den Ernst des Lebens. Herzlicher Beifall des Publikums.

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„Romeo und Julia“ wird wieder gespielt am 8., 9., 18. und 22. Februar jeweils um 19.30 Uhr im Hans Otto Theater, Schiffbauergasse 11, 14467 Potsdam. Karten kosten sechs bis 31 Euro, ermäßigt sechs 21,50 Euro. Kartentelefon: (0331) 98118. Anreise: Potsdam Hauptbahnhof, dann mit Tram 93 Richtung Glienicker Brücke bis Schiffbauergasse.

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