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Lkw-Fahrer Miroslaw Strecker aus Calau hat einen Skandal aufgedeckt / Das ZDF würdigt ihn mit dem XY-Preis

Ehrung für Gammelfleisch-Kronzeugen

Mann mit Courage: Miroslaw Strecker
Mann mit Courage: Miroslaw Strecker © Foto: ZDF/Jürgen Detmers
Harriet Stürmer / 08.11.2011, 19:52 Uhr
Calau (MOZ) Der Brandenburger Miroslaw Strecker hat einen der größten Gammelfleisch-Skandale Deutschlands aufgedeckt. Dafür wurde er nun vom ZDF mit dem XY-Preis ausgezeichnet. In der Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ (Mittwoch, 20.15 Uhr) wird der Preisträger vorgestellt.

Es ist ein Freitag im August 2007, an dem Lkw-Fahrer Miroslaw Strecker in seinem 40-Tonner unterwegs von Hamburg nach Bayern ist. Sein Auftrag: 11,2 Tonnen Tiefkühlfleisch zu einem Fleischhandel in Wertingen bringen. Die Schlachtabfälle sind als K3-Ware gekennzeichnet. In diese Kategorie wird Fleisch eingestuft, das für den menschlichen Verzehr nicht geeignet ist. Selbst auf dem Speiseplan von Nutztieren darf K3-Ware nicht landen. Das Fleisch ist lediglich für Haustiere bestimmt, darf also zu Katzen- oder Hundefutter weiterverarbeitet werden. Streckers Ziel ist aber eine Fleisch- und Wurstfabrik. Er wundert sich. „Ich hatte das Gefühl, dass da irgendetwas schief läuft, ich wusste ja, dass ich K3-Fleisch fahre“, sagt der 53-jährige Familienvater aus Calau (Oberspreewald-Lausitz).

Auf dem Gelände der Fleischfabrik angekommen, verdichten sich die Hinweise, dass Strecker mit seiner Vermutung richtig liegt. „Ich habe gesehen, dass der Firmenchef die K3-Etiketten verschwinden ließ“, erzählt der Brummifahrer. Strecker ist klar, dass was faul ist.

Er lässt sich nichts anmerken, fährt wieder los. Noch in Bayern ruft er die Polizei an. Beim Gewerbeaufsichtsamt zeigt man großes Interesse an seiner Geschichte. Noch am selben Tag wird die Firma überprüft. Die Kontrolleure machen eine äußerst unappetitliche Entdeckung. Das Gammelfleisch sollte umetikettiert und dann an einen Döner-Hersteller in Berlin verkauft werden. Die Firma wird dichtgemacht.

Die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft ergeben: Streckers Ladung war nur die Spitze des Eisbergs. Der Lkw-Fahrer hatte einen der größten Gammelfleisch-Skandale Deutschlands aufgedeckt. Zuvor hatte der Wertinger Fleischhändler nämlich bereits 150 Tonnen der ungenießbaren Schlachtabfälle in Umlauf gebracht. An zig Döner-Buden in Berlin und Brandenburg wurde das Gammelfleisch verkauft. Der windige bayrische Unternehmer machte mit seiner Masche einen traumhaften Umsatz von 225 000 Euro. Er kaufte das Fleisch für zehn Cent das Kilo und verkaufte es für 1,60 Euro je Kilo.

Im Sommer 2011 wird dem Geschäftsmann der Prozess gemacht. Er wird zu zwei Jahren Haft verurteilt. Strecker kann über die Praktiken des Unternehmers indes nur den Kopf schütteln. „Er hat in Kauf genommen, dass Menschen krank werden oder vielleicht sogar sterben.“

Noch 2007 erhält Miroslaw Strecker vom damaligen Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) die Goldene Plakette für Zivilcourage. Doch schon bald kommen für den Brummifahrer unruhige Zeiten. Sein Arbeitgeber kündigt ihm. Strecker kann nur vermuten, dass die Kunden Druck auf seinen Chef ausgeübt haben. „Einen wie mich wollte doch niemand mehr auf den Hof fahren lassen. Die Händler wollen sich nicht in die Karten gucken lassen.“

Seehofer reicht 2008 ein Gesetzentwurf zum Schutz von Whistleblowern (zu deutsch Skandalaufdecker) ein. Der Vorstoß scheitert. „Anscheißer haben eben keine Lobby, Unternehmer schon“, kommentiert Strecker. Anerkennung findet der Calauer für sein couragiertes Handeln dennoch. Die Jury des XY-Preises, der mit 10 000 Euro dotiert ist, bewertet Miroslaw Streckers Engagement so: „Er war bereit, zum Wohle der Allgemeinheit ein hohes berufliches Risiko einzugehen.“ Würde er noch einmal so handeln? Streckers klare Antwort: „Auf alle Fälle.“

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Guido 10.12.2011 - 10:43:12

Gammelfleisch

Es ist schön zu sehen wie Menschen die illegalen Geschäfte anzeigen. Doch wo ist unsere Politik? Auch ich habe meinen AG anzeigen müssen. Gammelfleisch, illegale Schwarzverkäufe, Betrug am Kunden usw. waren meine Anschuldigungen. Aber eine Auszeichnung habe ich dafür nie bekommen. Nein im Gegenteil: Krank, Kündigung und denunzierung meines Namens in der Örtlichen Presse (WDR Duisburg) waren meine Auszeichnungen. Ob ich jemals wieder Arbeiten kann, stellt sich erst nach meiner Reha heraus. Ob ich jemals wieder so Handel würde? Ich glaube wegsehen ist gesünder und wird auch so gerne gesehen in NRW. Der Kreis Kleve ließ zumindest veröffentlichen: es seinen keinerlei Funde gemacht worden die auf Gammelfleisch hindeuten. In Akten die mir vorliegen ist aber die Rede von weit über 400Kg Fleisch welches 18-21 Monate überlagert war. Nun ja ob hier absichtlich solche Aussagen gemacht werden um einen Skandal zu vertuschen etzieht sich meiner Kenntniss. Ich jedenfall würde so nie mehr Handeln. Heute stehe ich mit nichts da. Weder Job noch guten Ruf. Als Fazit würde ich sagen: Scheiß NRW. Hätte ich Erspartes, ich würde ohne lange nachzudenken dieses Land verlassen, wie viele auch.

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