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Wundersame Rettung vor dem Tod

Claudia Seiring / 12.11.2011, 10:11 Uhr
Leipzig (MOZ) 17 Millionen Tote forderte der Erste Weltkrieg, der am11. November 1918 endete. In einem europaweiten Internetportal werden jetzt private Erinnerungstücke darüber gesammelt, um ein digitalesArchiv anzulegen. Die Bibel des Soldaten Kurt Geiler ist dort bereits zu finden.

Leipzig (MOZ) Die Tragödie seines Lebens ereignete sich im Jahr 1917 in einem Unterstand im französischen Verdun. Der 23-jährige Kurt Geiler und seine Kameraden schliefen, als eine Granate in die kärgliche Behausung einschlug. „Viele Soldaten starben sofort, andere wurden schwer verwundet. Nur mein Vater blieb wie durch ein Wunder unverletzt“, erzählt der Leipziger Gottfried Geiler. Natürlich herrschte nach dem Einschlag Chaos. Tote und Verletzte mussten geborgen werden, der Infanterist Kurt Geiler suchte nach dem ersten Schock seine Sachen. Und entdeckte den Grund für seine wundersame Rettung: In der Bibel, die er immer bei sich trug – und die er beim Schlafen unter seinen Kopf legte – steckte ein großer Granatsplitter. „Ohnedie Bibel hätte sich der Querschläger in seinen Kopf gebohrt“, sagt der heute 83-jährige Sohn.

Er war zehn Jahre alt, als sein Vater ihm die Geschichte der Bibel zum ersten Mal erzählte. Der bewahrte die Bibel, eingeschlagen in dickes Packpapier, zeitlebens in seinem Schreibtisch auf. Damals, im Jahr 1937, sei es durchaus üblich gewesen, in den Familien über den Ersten Weltkrieg zu sprechen. „Als nur zwei Jahre später der nächste Krieg ausbrach, herrschte bei uns großes Entsetzen. Wobei noch keiner daran dachte, dass der eigene Sohn mit 16 Jahren an die Front geschickt werden würde“, erinnert sich Gottfried Geiler.

Kurt Geiler war schon als frommer Mann in den Krieg gezogen, seine Bibel trug er immer bei sich. Dem Sohn beschrieb er die wundersame Rettung „als eine Bewahrung, die er der Fürsorge Gottes verdankte“. Deren Zeugnis hielt er unter Verschluss, holte es zu besonderen Anlässen hervor und zeigte es nur den besten Freunden.

Kurt Geiler wurde im weiteren Verlauf des Krieges an der Westfront noch zwei Mal verletzt, einmal davon schwer. Nach dem Waffenstillstand im November 1918 machte er sich zu Fuß auf den Heimweg, die Bibel im Gepäck. Er heiratete, zog nach Leipzig, gründete eine Familie und arbeitete bei der Sparkasse. Als er im Jahr 1950 starb, ging die Bibel in den Besitz seines einzigen Sohnes Gottfried über. Der erfuhr über seine Kinder vom Internetportal Europeana 1914–1918.

„Erster Weltkrieg in Alltagsdokumenten“ ist der Titel des Projekts der Oxford University in England. Die rief bereits im Jahr 2008 in Großbritannien dazu auf, das Great War Archiv um private Exponate zu ergänzen. Nun soll das Archiv bis zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns um weitere zehn am Krieg beteiligte Länder ?erweitert werden. Dazu gehören neben Deutschland Länder wie Belgien, Frankreich, Österreich oder Italien. Finanziert wird die Initiative aus Mitteln der Europäischen Union und der beteiligten Länder.

Bis 2014 sollen Stück für Stück private Erinnerungen und Zeugnisse von Menschen aller am Krieg beteiligten Nationen gesichert und öffentlich zugänglich gemacht werden. Gesucht werden Briefe, Postkarten, Fotografien, Tagebücher und sonstige Erinnerungsstücke, auch Ton- oder Filmmaterial ist willkommen. „Wer persönliche Zeugnisse aus der Zeit von 1914 bis 1918 besitzt, ist eingeladen, sich am Aufbau dieses europäischen Archivs zu beteiligen“, sagt Frank Drauschke vom Historical Research Institute Facts & Files in Berlin. Sein Institut hat vier der acht Aktionstage in Deutschland durchgeführt, bei denen Menschen ihre Zeitzeugnisse digitalisieren lassen konnten. „Zum Teil kamen die Leute mit großen Kisten voll mit Stücken aus dem Ersten Weltkrieg“, so Drauschke. Mittlerweile sind 27 000 digitale Objekte im Internet verfügbar. Wer auf die Europeana-Seite klickt, findet dort erlebte Geschichte: Ob Militärpass, Tagebuch oder Postkarte – jedes einzelne Stück wurde fotografiert und von den Besitzern mit erklärendem Text versehen. Aufgrund der Digitalisierung ist es so zum Beispiel möglich, jede einzelne Seite eines Tagebuchs zu vergrößern und darin zu lesen.

Gottfried Geiler halfen ein Sohn und der älteste Enkel, die Bibel von ihrem festen Platz in seinem Arbeitszimmer ins Internet zu transformieren. Er findet das Projekt fantastisch. „Für mich ist das wie eine Mahnung: Der Krieg ist zerstörerisch und die Bewahrung des Friedens eine immerwährende Aufgabe der Gesellschaft. Unsere Bibel ist ein Erinnerungsstück, das die Auseinandersetzung mit dem Krieg provoziert. Und natürlich war sie für meinen Vater sehr real die Rettung ?zum Leben.“

In seiner Familie kennen fünf der sechs Enkel die aufregende Geschichte ganz genau. Nur der jüngste ist noch zu klein dafür. Für Gottfried Geiler ist klar, dass die Bibel immer in Familienbesitz bleiben muss. „Zunächst gehört sie in die Hände meiner Söhne. Mit der Maßgabe, sie an die Enkel weiterzureichen.“

www.europeana1914-1918.eu

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