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Zwischen prächtigen Gräbern und tragischen Geschichten / Ein Spaziergang über den Fürstenwalder Friedhof

Von Kirchhöfen und Totengassen

Arbeitet auf dem Friedhof: Der Landschafts- und Gartenbaumeister Horst-Dieter Kohl kennt die Geschichten hinter den Grabsteinen.
Arbeitet auf dem Friedhof: Der Landschafts- und Gartenbaumeister Horst-Dieter Kohl kennt die Geschichten hinter den Grabsteinen. © Foto: MOZ/Bettina Winkler
Sonja Jenning / 16.11.2011, 21:05 Uhr
Fürstenwalde (MOZ) In den Tagen vor dem Totensonntag herrscht auf Friedhöfen traditionell Hochbetrieb. Die Menschen besuchen die Gräber derer, die ihnen am Herzen liegen. Auch die MOZ hat einen Spaziergang über den Fürstenwalder Friedhof gemacht und dabei interessante Gräber und Geschichten entdeckt.

Die feuchte Novemberkälte kriecht zwischen Handschuh und Ärmel hindurch, langsam macht sie sich unter dem Mantel breit, bald steckt sie in den Knochen und verlässt diese den ganzen Tag nicht mehr. Friedhofsgärtner Horst-Dieter Kohl lässt sich von ihr nicht irritieren. Unbeirrt lenkt der 63-Jährige seine Schritte zu den ältesten Grabmälern auf dem Fürstenwalder Friedhof. „Dabei sind die ältesten Gräber Fürstenwaldes nicht hier, sondern um den Dom herum“, sagt er dabei. Der Name Neuer Friedhof wurde nicht umsonst gewählt, die ersten Beisetzungen fanden erst 1916 statt.

Prachtvolle Grabmale ließen sich Kaufleute, Landwirte und Industrielle setzen. Auf den bemoosten Steinen liest man die Namen alter Fürstenwalder Familien: Die Mineralwasser-Fabrikanten Lässig oder der Brauereimeister Ludwig Mord haben hier ihre letzte Ruhe gefunden. Andere bekannte Name jedoch sucht man vergebens: Otto Grasnick beispielsweise, Stadtrat und Stifter des gleichnamigen Brunnens, oder Georg Friedrich Gottlob Goltz, der Verfasser der Fürstenwalder Chronik. Sie waren auf dem Alten Friedhof begraben, sagt Museumsleiter Guido Strohfeldt – dort wo sich heute die Altenheime an der Frankfurter Straße befinden. In den 70er-Jahren wurden diese Gräber, unter ihnen Mausoleen, große Familiengrabstellen und kunstvolle Figuren mit Baggern abgeräumt – ohne eine Dokumentation zu hinterlassen. „Leider haben wir auch nur wenige Fotos“, bedauert Strohfeldt.

Sieht man sich auf dem Neuen Friedhof genauer um, entdeckt man doch noch Namen, die man zumindest schon einmal gehört hat, weil Straßen nach ihnen benannt sind: die Arbeiterführer Otto Ulinski, Richard Soland, Paul Frost, Albert Kleeberg und Ehrenfried Jopp. Auch Kommunalpolitiker der Neuzeit liegen hier. Unter ihnen Matthias Schubert, der erste Landrat von Oder-Spree, und Martin Tänzer, der letzte Vorsitzende des Rates des Kreises Fürstenwalde. Das prominenteste Grab ist jedoch das von Franz John, dem ersten Präsidenten des FC Bayern München, der 1952 in Fürstenwalde starb. „Nach der Wende hat der Verein einen neuen Stein gestiftet und zahlt seitdem für die Pflege“, so Kohl. Der Spaziergang führt auch an Kinder- und Soldatengräbern vorbei. „Ein Friedhof erzählt die unterschiedlichsten Geschichten, darunter sind viele Tragödien. Manche Schicksale dürfte es einfach nicht geben“, sagt Kohl nachdenklich.

Insgesamt gibt es etwa 5000??Grabstellen, so die Verwalterin Birgitt Engelhardt. Klassische Erd- und Urnengräber genauso wie verschiedene Urnen-Wiesen. Während die vordere, die komplett belegt ist, ausschließlich der anonymen Beisetzung diente, besteht auf der neuen Urnen-Wiese auch die Möglichkeit, den Namen des Verstorbenen an einer Stele anbringen zu lassen.

Auf etwas, was den meisten Fürstenwaldern kaum bewusst sein dürfte, weist Museumsleiter Guido Strohfeldt noch hin: „Weite Teile des Stadtgebietes befinden sich auf ehemaligem Friedhofsgelände.“ Beispielsweise wurden im 30-Jährigen Krieg die Pesttoten auf dem Altstädter Platz beigesetzt, der bis 1880 den Namen Pestkirchhof trug. Als Friedhof für das nahe Hospital diente bis 1822 der heutige Ottomar-Geschke-Platz (damals Hospitalskirchhof). Und die Straße Am Rechenzentrum trug den Namen Totengasse, weil hier der Gottesacker der Amtskolonie Fürstenwalde lag.

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