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"Fragt eure Eltern"

Mein Freistil-Jugendredaktion / 30.11.2011, 17:44 Uhr - Aktualisiert 01.12.2011, 10:15
Zehdenick (MZV) 17, 18 Jahre alt sind die Zwölftklässler des Oberstufenzentrums "Georg Mendheim" in Zehdenick. Als Hartmut Richter in diesem Alter war, wollte er gerade aus seiner Heimat, der DDR, abhauen und tat es, wie schon Millionen vor ihm.

Es war 1966, als Hartmut Richter 18 Jahre alt war. Abweichende Meinungen fanden seine Eltern, durch das Dritte Reich geprägt, nicht gut. Aber Hartmut Richter hatte lange Haare, und er hatte andere Ansichten. Und er wollte sich nicht bei allen Gelegenheiten zum Sozialismus bekennen müssen.

Den 13. August 1961, den Tag des Mauerbaus sah er als 13-Jähriger zunächst ganz unbefangen. Schwimmen wollten sie gehen, sein Onkel stürmte rein, mit der Nachricht, dass die Grenzen dicht gemacht werden. "Ich dachte mir, wenn sie die dichtmachen, werden sie auch wieder aufmachen", blickt er zurück. So kam es nicht.

Aber wie hieß das, was dann Berlin teilte, im offiziellen DDR-Sprachgebrauch? Heide Stache fragt in die Runde. Zögern. "Antifaschistischer Wall", sagt einer. Der Duktus und die mit ihm verknüpften Propaganda, Emotionen, Inhalte scheinen verschwunden aus dem historischen Bewusstsein derjenigen, die nicht mehr in der DDR geboren sind.

Hartmut Richter versucht den Unterschied zu erklären zwischen einem Gruppenratsvorsitzenden und einem Klassensprecher, aber so richtig scheint das keiner zu kapieren. Auch Pioniere und FDJler sind eher Begriffe aus dem Unterricht. In manchen Runden, erzählt Hartmut Richter später, kennen Schüler noch, was auf "Seid bereit" folgte. In Zehdenick kommt keinem ein "Immer bereit" über die Lippen.

Zweimal versuchte er zu flüchten, und wenn er davon erzählt, wird es still im Raum 3307. Beim ersten Mal, über die Tschechoslowakei und Österreich, wurde er geschnappt und zu zehn Monaten Haft verurteilt. Dass diese zur Bewährung ausgesetzt wurde, verdankte er einem Brief an seine Eltern, einem reuevollen.

Im August 1966 durchschwamm er den Teltowkanal. Deshalb konnte er nicht mehr durch die DDR reisen, bis der Staat eine Amnestie erließ und er von der BRD freigekauft wurde. Hartmut Richter reist dann mit seinem Auto oft nach Westberlin, nahm unterwegs Leute in den Kofferraum, schmuggelte sie aus der DDR. Nachdem sie ihn, nach 33 erfolgreichen Aktionen, festnehmen, wird er zu 15 Jahren Haft verurteilte. 1980 wurde er von der BRD freigekauft. "Ich würde mir wünschen, dass ihr eure Eltern fragt, wie auch wir unsere Eltern gefragt haben", sagt er fast zum Schluss.

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