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Christa Wolf ist tot - moralische Instanz der DDR

01.12.2011, 15:22 Uhr
Berlin (dpa) Christa Wolf, eine der bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart, ist tot. Die Schriftstellerin starb am Donnerstag im Alter von 82 Jahren nach langer Krankheit im Berliner St.-Hedwig-Krankenhaus, wie der Suhrkamp Verlag mitteilte. Ihr Mann Gerhard Wolf sei bei ihr gewesen.

In den Mittelpunkt ihrer Bücher stellte die DDR-Autorin immer wieder Figuren, die von der deutschen Teilung gezeichnet waren. Zu ihren bedeutendsten Werken zählen "Der geteilte Himmel", "Nachdenken über Christa T.", "Kindheitsmuster", "Kein Ort. Nirgends", "Kassandra" und "Störfall". Für viele Menschen in der DDR galt sie auch als moralische Instanz.

Mit Christa Wolf verliere Deutschland eine der bedeutendsten gesamtdeutschen Autorinnen der Gegenwart, erklärte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU). Ihre literarischen Gestalten Christa T., Medea und Kassandra seien aus der deutschsprachigen Literatur nicht mehr wegzudenken. "Christa Wolf hat sich nach der Wende der politischen Realität gestellt und stellen müssen, auch wenn schmerzhafte Verwundungen die Folge waren", erklärte Neumann. Der Frankfurter Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der Wolf lange Zeit eher ablehnend gegenübergestanden hatte, sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Sie war eine mutige Schriftstellerin, die die zentralen Fragen ihrer Zeit und ihrer Problematik ausdrücklich behandelt hat."

Wolfs erster großer literarische Erfolg, "Der geteilte Himmel" im Jahr 1963 über eine an der deutschen Teilung scheiternde Liebe, wurde eines der meistdiskutierten Bücher in der DDR und später auch von Konrad Wolf für die DDR-Filmgesellschaft DEFA verfilmt.

Wolf hatte sich lange für gesellschaftliche Reformen in der DDR eingesetzt und als SED-Mitglied gegen Willkürmaßnahmen der Staats- und Parteiführung und die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann protestiert. In jungen Jahren arbeitete sie aber auch mit der Stasi unter dem Decknamen "IM Margarethe" zusammen.

Als DDR-Nationalpreisträgerin protestierte sie gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann und unterstützte die Bürgerrechtsbewegung. Sie trat aber erst 1989 aus der SED aus. Mit der friedlichen Revolution war Wolf im Gespräch als Kandidatin für die erste freie Wahl eines DDR-Staatsoberhaupts. Damals unterschrieb sie mit anderen Autoren einen Aufruf "Für unser Land", den sie später als Versuch beschrieb, eine "andere" DDR aufzubauen.

2010 veröffentlichte Wolf mit dem Buch "Stadt der Engel" (Los Angeles) eine Art Fortsetzung ihres Buchs "Kindheitsmuster" (1976) als Aufarbeitung der Zeit nach dem Mauerfall und dem Bekanntwerden ihrer früheren Tätigkeit für die Stasi als IM "Margarethe". Darüber legte sie einen Dokumentationsband ("Akteneinsicht Christa Wolf") an, benannte aber auch ihre eigene Bespitzelung durch die Stasi. Sie sprach von einem "dunklen Punkt" in ihrem Leben.

Wolf hatte sich immer wieder geweigert, die DDR zu verlassen. Für sie gab es keine Alternative zum sozialistischen Staat. Die am 18. März 1929 im heute polnischen Landsberg an der Warthe geborene Schriftstellerin wurde auch bis ins hohe Alter als Kandidatin für den Literaturnobelpreis gehandelt. Ausgezeichnet wurde sie unter anderem mit dem Büchner-Preis und dem Thomas-Mann-Preis.

Der Schriftsteller Hermann Kant (85) sprach von einem traurigen Tag für die Literatur. Der frühere Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes erinnerte an die Zeiten "unserer frühen schriftstellerischen Jugend, als wir eigentlich befreundet waren - und wir sind später dann nicht fertig geworden mit den Konflikten, die aus den Großkonflikten auch für uns entstanden". Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz nannte Wolf "eine der großen Frauen der deutschen Literatur". Wolf sei eine "moralische Instanz der DDR-Leserschaft und zugleich eine "Identifikationsfigur einer großen Zahl westdeutscher Leserinnen und Leser" gewesen, erklärte der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck.

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