Mit so einem Sturm der Empörung hatten die Bahnfachleute nicht gerechnet. Als sie am Mittwochabend in Tantow die Pläne zur Streckenelektrifizierung vorstellten, gab es nicht eine einzige Zustimmung von den Zuhörern. "Wir haben nicht erwartet, dass die Strecke ihren eingleisigen Zustand behalten soll", fasste Gemeindevertreter Tino Kisicki aus Casekow das Entsetzen der Anwesenden zusammen. Nicht nur Gemeindevertreter aus der Region und interessierte Bürger sogar aus Schwedt waren gekommen, sondern auch Einwohner aus Nachbargemeinden in Mecklenburg-Vorpommern.
Für 300 Millionen Euro will die Bahn unter teilweiser Vollsperrung eine durchgehende Elektrifizierung auf der Achse Angermünde - Stettin schaffen. Die Reisezeit soll sich auf rund 90 Minuten (derzeit 135) verkürzen, die Streckengeschwindigkeit von 120 auf 160 km/h angehoben werden. Bahnstationen in Passow, Schönow, Casekow und Petershagen sollen erneuert und barrierefrei gemacht werden.
Doch statt des dringend notwendigen zweigleisigen Ausbaus der Strecke soll eine "Begegnungsmöglichkeit" im eingleisigen Bereich in Casekow geschaffen werden. Die Zuhörer durchschauten diese Formulierung sofort und sprachen von einer Stummellösung.
Frank von Oppenkowski ist Planer für das Projekt und erklärte: "Wenn wissenschaftliche Untersuchungen ermitteln, dass der eingleisige Betrieb ausreichend ist, dann ist es doch sinnlos, ihn zweigleisig zu machen." Das brachte die Leute auf die Palme. Wie alt sind diese Untersuchungen? Von welchen Zahlen gehen Sie aus?, wollten sie wissen und erhielten Antworten, die sie nicht zufrieden stellten. Prognosen zu Zugzahlen wichen in ihrer Darstellung sogar voneinander ab. Heino Schönemann aus Tantow empörte sich: "Ich wohne nahe am Bahnhof und sehe, wie voll die Züge sind. Hier hat sich in den letzten Jahren was entwickelt. Fragen Sie nach diesen Zahlen, damit Sie es einmal nur vernünftig machen. Am Ende sind Sie der Sündenbock für Ihre Auftraggeber."
Lutz Naudsch ist bei der DB Netze verantwortlich für Produktionsplanung. Er sagte: "Wir können mit dem Bund nur auf Grundlage der Fahrgastprognose sprechen. Nur das wird ausfinanziert." Die Zuhörer hielten ihm die aktuelle Situation am Bahnhof Stettin vor Augen. Dort sei mit Schwarztaxis und Bussen ein richtig großes Passagieraufkommen. Hans-Eike Krüger aus Schwedt war 29 Jahre Dispatcher im PCK Schwedt, darunter auch im Betriebsbahnhof Stendell: "Diese Schwarztaxis sind in der Prognose nicht enthalten. Die gehören da rein. Das müssen Sie fordern, sonst ist Ihre Arbeit umsonst." Tantows Bürgermeister Andreas Meincke ist der Meinung, der Großraum Berlin - Stettin habe bei guter Infrastruktur beste Aussichten auf steigende Fahrgastzahlen. "Warum geht man nicht auf den Sachverstand der Region ein?"
Die 300 Millionen von jetzt kosteten bei einem späteren zweigleisigen Ausbau doppelt so viel, warnen Zuhörer. Andere befürchten, dass der Zug zum zweigleisigen Ausbau gänzlich abgefahren sein könnte.
Der Gartzer Amtsdirektor Frank Gotzmann ist seit Jahren ein glühender Verfechter für den zweigleisigen Ausbau. Gotzmann kritisierte: "Wenn die Zielstellung der Bahn falsch ist, dann ist alles, was darauf aufbaut, auch falsch. Sie schaffen einen Engpass, sodass kein sinnvoller Zugverkehr möglich sein wird. Was Sie hier verkaufen, ist ein Rückbau der 1873 zweigleisig gewidmeten Bahnstrecke. Es ist eine Schande, dass die Bahn als Ziel für 2023 eine Fahrzeit von 90 Minuten anstrebt. Diese Zeit wurde schon 1939 gefahren. Die Elektrifizierung ist eine schön verhüllte Mogelpackung. Das wird von der Region nicht mitgetragen."
Tino Kisicki wandte sich an die Bahnmitarbeiter: "Nehmen Sie das mit an Ihre Auftrageber: Wir in der Region brauchen den zweigleisigen Ausbau."
Bürger erzürnt über Pläne zum Streckenausbau Angermünde - Stettin