Das passiert äußerst selten. Im Nationalpark werden Seeadler freigelassen. Am späten Donnerstag fliegen in Criewen gleich zwei – nach der Genesung von einer Verletzung beziehungsweise Vergiftung – wieder in die Freiheit.
Freiheit für Seeadler

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Die beiden Seeadler haben Glück gehabt. Der eine hatte sich schwer am Auge verletzt, der andere vergiftet. Paul Sömmer und sein Freund Volker Hastädt bringen die beiden nach ihrer Reha von der Naturschutzstation Woblitz, irgendwo zwischen Himmelpfort und Lychen, mit dem Auto ins 100 Kilometer entfernte Nationalparkdorf Criewen. Begleitet von neugierigen Blicken einiger Nationalpark-Mitarbeitern und Fotografen startet der erste, etwa einjährige und rund neun Pfund schwere Seeadler seinen Flug in die Freiheit. Eher unbeholfen. Er segelt knapp über der Schlossparkwiese und planscht dann nach 150 bis 200 Metern Flug im Kanal. Schafft er nach der Wasserlandung den Weg in die Freiheit? Paul Sömmer ist Optimist: „Das macht dem nichts, er heißt nicht umsonst Seeadler.“ Trotzdem behält er seinen ehemaligen Patienten im Blick. Der Adler rettet sich ins Schilf und dann auf einen Baumast.
Das junge Adlermännchen ist im August 2017 bei Waren an der Müritz gefunden worden, an einem Auge verletzt. Es kann da nicht mehr richtig fliegen. Auf Umwegen gelangt der neun Pfund schwere Jungadler in die Kleintierklinik der Freien Universität Berlin und so in die heilenden Hände von Dr. Kerstin Müller, die ihn operiert. Wie schon hunderte Adler zuvor. Dann kommt er Mitte Oktober zu Paul Sömmer in die Station nach Woblitz. Der Seeadler hält dort seinen Kopf noch schief und trägt seine Schwanzfedern „komisch“. Nach Monaten der Reha in einer 18-Meter-Voliere fliegt er am Donnerstag dann doch gar nicht so übel.
Der zweite, etwa sechsjährige Seeadler schwingt sich beim Auswildern kraftvoll in die Höhe und verschwindet schnell im Himmelsblau. Nationalpark-Referent Michael Schmidt nennt ihn „Felix“. Er ist an seiner Rettung beteiligt gewesen.
Beim Steinesammeln auf einem Kornschlag finden der Landwirt Norbert Heidebring und sein Kollege Thomas Türmer von der Agrargenossenschaft Milgeta am 26. März den staatlichen Seeadler „ziemlich bewegungslos“ in der Feldflur bei Criewen. „Egal, ob Tier oder Mensch, wer in Not ist, der muss gerettet werden. Wenn der Adler liegen geblieben wäre, hätten ihn die Füchse geholt.“, ist sich Heidebring sicher. „So einen großen Seeadler sehen selbst wir hier selten.“ Der Landwirt zögert nicht und bringt den Greif zu Naturwächter. André Pataki. Dann wird viel telefoniert. Michael Schmidt fährt den Not leidenden Vogel noch am Fundtag zu den Spezialisten in die Kleintierklinik der Freien Universität in Berlin. Diagnose: Vergiftung. Nach der Behandlung erholt sich der Adler schnell. Für den einjährigen Artgenossen, der am Donnerstag mit ihm ausgewildert wird, ist er während der Reha in Woblitz eine Art Mentor, sagt Paul Sömmer.
Sömmer leitet die Naturschutzstation Woblitz. Dort kümmert man sich um verletzte Greifvögel aus Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, erforscht Ursachen für die Verletzungen. Sömmer kennt die Gefahren. Ein Drittel der Todesursachen von Seeadlern sind Bleivergiftungen, vor allem durch bleihaltige Jagdmunition im Aas. Ein Drittel sind Zusammenstöße mit Zügen der Bahn. Das letzte Drittel sind heute Kollisionen mit Windkraftanlagen.“
Sömmer gilt als Glücksfall für Greifvögel, hört man zwischen Berlin, Uckermark und Ostseeküste. Sömmer ist Betonfacharbeiter und Facharbeiter für Rinderzucht. Von Ende der 1970er-Jahre bis in die erst Hälfte der 1980er Jahre arbeitet er in Berlin, im Tierpark Friedrichsfelde. Später in der Chirurgischen Tierklinik der Humboldt-Universität als Obertierpfleger.
Als Sömmer von einer Stellenausschreibung an der Woblitz hörte, zieht er 1990 in den Wald. Seine Patienten dort sind Mäusebussarde und Falken, die an Straßen und Autobahnen nach Futter suchen und mit Autos kollidieren. Sie kurieren hier ihr Schleudertrauma und Brüche. Ebenso wie Habicht und Sperber, die in Glasscheiben fliegen.