Den Amtsgarten in Lebus kennen viele Lebuser, schließlich hatten die meisten schon im roten Klinkerbau der heutigen Amtsverwaltung zu tun. Dass dieses Gebäude zum ehemaligen Herrenhaus-Komplex der Domäne (Staatsgut) in Lebus gehörte, wissen meist nur noch die Älteren. Die Hofanlage bestand aus dem Herrenhaus (ein verputzter Fachwerkbau), Stallungen und Wirtschaftsgebäuden mit dem Amtsgarten, in dem es sogar einen Schwanenteich gegeben haben soll. Dieses Gutshaus hatte vor allem vor dem Zweiten Weltkrieg eine hochinteressante und bewegte Geschichte, wie Manfred Hunger in seinem Vortrag aufzeigte. In dem Gebäudekomplex hatte nicht nur der erste evangelische Kindergarten der Stadt vor über 80 Jahren seinen Sitz, sondern auch eine Schnapsbrennerei, die Danziger Goldwasser herstellte, eine Möbelfabrik und eine Buchdruckerei und hatte der so genannte Arbeitsdienst (gemeinnützige Arbeit von Arbeitslosen) während der Nazizeit Gruppen für Frauen und Männer stationiert.
Die weit über Lebus hinaus ragende Bedeutung hatte das Herrenhaus jedoch als Forschungsstelle des Museums für Ur- und Frühgeschichte in Berlin. 1938 überließ die Stadt dem Staatlichen Museum ausgedehnte Räumlichkeiten zu Ausstellungs- und Lehrzwecken. Hier wurden unter anderem auch Funde gezeigt, die der Archäologe Professor Wilhelm Unverzagt, heute Ehrenbürger von Lebus, bei seinen Grabungen in Lossow, Reitwein, Zantoch, Kliestow und in der Oderstadt ans Tageslicht gebracht hatte. Im Erdgeschoss des Herrenhauses gab es zwei Ausstellungsräume und einen Hörsaal für etwa 100 Personen . Im Obergeschoss wurden ein Studiensaal mit fünf Arbeitsplätzen und einer Handbibliothek sowie ein Zeichenraum eingerichtet. Auch Wohnräume für Unverzagt und weitere hier tätige Forscher gab es im ersten Stock sowie Räume zur Aufbewahrung von Funden.
1938 begannen die Grabungen auf dem Lebuser Pletschenberg, die bis zum Beginn des Winters 1940 abgeschlossen wurden. Es folgten Untersuchungen am Schloßberg, die 1943 wegen mangelnder Arbeitskräfte eingestellt werden mussten. Aufgrund der nun stärker werden Luftangriffe auf Berlin, begann die Auslagerung der musealen Sammelbestände aus der Hauptstadt u. a. auch per Schiff nach Lebus. Darunter waren zum Beispiel Stücke von den berühmten Schliemann-Funden in Troja. "Jedoch der Kategorie 3, also weniger wertvolle", wie Manfred Hunger in seinem Vortrag unterstrich. Zu diesen Gegenständen, die nach Lebus kamen und im Herrenhaus eingelagert wurden, gehörten auch 300 der wertvollsten Volkstrachten des Berliner Museums für Volkskunde. Bei den Kriegshandlungen 1945 wurde zwar nur der Mittelteil des Herrenhauses zerstört, gingen aber trotzdem viele wertvolle Stücke in den Nachkriegswirren verloren. Sie wurden aus Unwissenheit zerstört, zweckentfremdet benutzt, aus mangelndem Schutz dem Verfall überlassen. 1948 wurde das Evakuierungsgut in Lebus unter wissenschaftlicher Aufsicht aus den Schuttbergen geborgen und ging an die Akademie der Wissenschaften. "Auch in Wünsdorf beim Landesmuseum für Ur- und Frühgeschichte lagern noch heute Kartons mit Scherben aus Lebus", sagt Manfred Hunger.
Das Lebuser Herrenhaus indessen teilte das Schicksal vieler ähnlicher Gutshäuser nach dem Krieg in der DDR: Es diente als Baumaterial-Spender und zerfiel mehr und mehr.
Manfred Hunger wird die Geschichte des Herrenhauses der Lebuser Domäne und des Amtsgartens in den nächsten Lebuser Amtsblättern veröffentlichen.