Kaffee schlürfend genießen die beiden den freien Blick hinunter über die Häuser bis auf den Fjord. "Es ist immer faszinierend, die Natur zu beobachten, auch dann, wenn der Regen alles verwischt", sagt Regina. Es regnet hier verdammt viel, aber heute bleibt der Himmel strahlend blau, als sie ihre nächsten Pläne und die anstehenden Reisen besprechen. Sie sind Pendler zwischen zwei Welten ...
Einmal im Monat fliegt Regina von Bergen nach Berlin, um ihre Mutter im brandenburgischen Grünheide zu besuchen. Die 91-Jährige lebt dort in einem Seniorenheim und freut sich auf jede Stunde mit der Tochter. Dann gehen sie spazieren, stricken warme Socken und reden über Gott und die Welt. "Es ist ein Riesenaufwand, aber ich will regelmäßig meine Mutter sehen", sagt Regina und beschreibt eine lebenslustige alte Dame, die ihre Tochter seit jeher gut kennt und versteht: als reiselustige Abenteurerin, die immer schon neugierig war auf ferne Länder und nicht genug kriegen konnte von fremden Kulturen. Aber auch als Familienmensch.
Als sie zwölf Jahre alt war, zog Reginas Familie aus Erfurt nach Berlin. Vielleicht war dies der Schritt, der sie prägte: "Ich hatte immer Fernweh, fühlte mich nirgendwo richtig zu Hause", erinnert sie sich. Wann immer sie konnte, setzte sie den Rucksack auf, trampte und fuhr mit dem Zug gen Osten.
1983 lernte sie Steffen aus Oberwiesenthal kennen, dem es genauso ging. Gemeinsam reisten sie in die Länder, die für DDR-Bürger erreichbar waren, wie Rumänien, Bulgarien, Polen und die Tschechoslowakei. Genug für Freiheitsfanatiker wie sie? "Wir hatten nie das Gefühl, eingesperrt zu sein. Wir haben einfach gemacht, was möglich war. Und das war eine Menge." Regina hatte damals schon drei Kinder - zwei Töchter und den kleinen Martin, der gerade laufen konnte. Bei ihren Ausflügen und Erlebnissen wuchs die neue Familie zusammen. Steffen lernte Tierpfleger im Erfurter Zoo, Regina hatte ihr Studium beendet und arbeitete als Zahnärztin in einer Poliklinik.
1989 kam Adrian, der gemeinsame Sohn, zur Welt. Mit der Wende engagierten sich Regina und Steffen auch politisch im Neuen Forum und bei den Grünen. Gleichzeitig wuchs die Sehnsucht nach der Fremde. "Wir wollten andere Länder aber nie als Touristen kennenlernen." Als ihnen bewusst wurde, dass sie auswandern wollen, wählten sie Irland. Nach einer Woche Urlaub dort hatten sie sich in das Land verliebt.
Im Sommer 1991 ging alles ganz schnell: Regina kümmerte sich vor Ort um ein Haus für die Familie. Steffen hatte sein Biologie-Studium an der Friedrich-Schiller-Universität Jena beendet. Sie packten ihre sieben Sachen in ihren alten Opel und erfuhren direkt vor der Abfahrt, dass die Sache mit dem Haus schiefgegangen war. "Wir fuhren trotzdem, wir hatten uns entschieden." Sie fanden eine Wohnung, die groß genug für alle war. Regina nahm eine befristete Stelle als Zahnärztin in Dublin an. Die drei Großen gingen zur Schule, Jungen und Mädchen getrennt. Doch bald war klar, dass beide keinen dauerhaften Job bekommen würden. Sie mussten zurück. "Es war eine harte, aber tolle Erfahrung. Und wir wussten, wir würden es wieder versuchen", erzählt Steffen. Doch zunächst hieß es eine sichere Existenz aufbauen, vier Kinder mussten ernährt werden. Regina übernahm eine Zahnarztpraxis auf einem Dorf in Thüringen. Steffen schrieb seine Doktorarbeit über Wanzen und arbeitete an der Uni Jena. Sieben Jahre vergingen.
Beim nächsten Mal wollten sie gut vorbereitet sein und recherchierten viel. In Norwegen suchte man Mediziner, auch Zahnärzte. Doch es dauerte noch weitere drei Jahre, bis die Praxis auf dem Dorf verkauft war. 2003 war es endlich soweit, zudem hatte Regina eine Stelle in einer Klinik sicher, auf Bömlo -einer kleinen idyllischen Insel nahe Bergen. Drei Monate lang büffelte sie die Sprache, denn das war Voraussetzung für den Job. Der neue Arbeitgeber übernahm die Kosten für den Intensivkurs in Berlin.
Es konnte losgehen. Die beiden Töchter waren aus dem Haus, Martin mitten im Studium. Und der sechzehnjährige Adrian? Der Jüngste wollte partout nicht mit auswandern. Regina Scheidt und Steffen Roth akzeptierten es, auch wenn es ihnen schwerfiel. Sie mieteten für ihn eine kleine Wohnung in Erfurt und sprachen sich mit Familie und guten Freunden ab. Bis heute sind sie überzeugt: "Es war die richtige Entscheidung, umso lieber kommt er jetzt zu Besuch."
Von 2004 an bauten die beiden ein neues Leben in Norwegen auf, kämpften sich durch Höhen und Tiefen. Reginas Einkommen deckte nicht alle Kosten, und jedes Jahr zogen sie in eine andere Wohnung, denn Mietverträge in Norwegen gelten üblicherweise nur für ein Jahr. Das zehrte. Steffen unterrichtete zunächst ein paar Stunden pro Woche in einer Waldorfschule: "Das war eine echte Herausforderung, denn ich musste die Sprache nebenbei lernen. Die Schüler halfen mir."
Vor allem den Wissenschaftler zog es jedoch in die Stadt, wo es die zweitgrößte Universität Norwegens gibt. Steffen, der auf Wanzen und Insekten spezialisiert ist, bekam bald eine Teilzeitstelle an der Uni Bergen. Sein erstes Projekt: die Verbreitung der braunen Wegschnecke in Norwegen erforschen und kartieren. "Das war gar nicht schlecht", lacht er. "So lernte ich das Land kennen." Übrigens: Das Weichtier ist auch in Norwegen eine Plage und hat längst den Polarkreis erobert.
Seit 2009 ist der 50-Jährige angestellt als Sammlungsmanager der Naturhistorischen Sammlung des Uni-Museum. Er organisiert und plant seither Projekte, schreibt und veröffentlicht Fachberichte, hält Vorträge in den USA und steht als Experte der Presse Rede und Antwort. "Das Geniale an dem Job ist, dass ich trotzdem forschen kann, eine solche Kombination wäre in Deutschland nicht denkbar." Zahnärztin Regina gehört zum öffentlichen Gesundheitswesen. Es war ein Kriterium bei der Wahl des Auswanderzieles: "Ich wollte nicht mehr unter dem Zwang der Freiberuflichkeit stehen." In Norwegen ist das Gros der Jobs vom Staat bezahlt, Arbeitslosigkeit gibt es kaum. Regina beschreibt es so: "Es ist ein bisschen wie in der ehemaligen DDR, soziale Unsicherheit kennt man hier kaum. Das Leben ist eine Idee langsamer und entspannter, nicht von Existenzangst getrieben."
Touristen und Besuchern treiben die Preise in Norwegen dagegen den Schweiß auf die Stirn: Acht Euro für einen halben Liter Bier im Restaurant, und auch die Lebensmittelpreise sind entschieden höher als in deutschen Läden. Doch die Einkommen sind angepasst, und in den meisten Haushalten gibt es zwei Verdiener. So können sich fast alle ein eigenes Haus leisten.
Die beiden haben ihren Traum vom Auswandern wahrgemacht und viel dafür getan. Glücklich? "Ja! Bei uns stimmt jetzt einfach alles - die Jobs, das Haus, das ganze Leben ..." Auch für Hobbys bleibt genug Zeit: Angeln, Fjord-Wandern, Konzerte. Steffen spielt Fußball, geht gern ins Stadion und verpasst kein Bundesliga-Spiel im deutschen TV, was sie gut empfangen können. Regina singt im Chor, liebt Handarbeit und lernt neuerdings Schlittschuhlaufen. "Es macht einen Riesenspaß, ich trete sogar in einer Formation auf", lacht die 55-Jährige. Auch an die langen hellen Sommernächte haben sie sich gewöhnt, obwohl das Schlafen schwerer fällt. Die Dunkelheit im Winter macht ihnen auch nicht mehr viel aus, doch weil die Gäste in der dunklen Zeit fernbleiben, reisen Regina und Steffen noch öfter. Fast dreißig Prozent ihres Einkommens geben sie für Flüge aus, besuchen Verwandte und Freunde in Berlin, Brandenburg und Thüringen. Steffen bringt es auf den Punkt: "Wir fühlen uns wohl in Norwegen, aber ohne unsere Freunde und die Familie, vor allem die Kinder, wäre es nicht so."
So freuen sich die beiden auf den nächsten Besuch und schlürfen in Ruhe ihren Kaffee auf der Schieferveranda, mit Blick über die Häuser, bis hinunter zum Fjord.