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Testosteron zur Erholung

Im Zwielicht: der Arzt der deutschen Olympiamannschaft, Bernd Wolfahrt.
Im Zwielicht: der Arzt der deutschen Olympiamannschaft, Bernd Wolfahrt. © Foto: picture alliance / dpa
Hausding/Drepper / 02.11.2012, 19:23 Uhr
Freiburg (MOZ) Der deutsche Olympia-Arzt Bernd Wolfarth hat in seiner Doktorarbeit über die Wirkung von Testosteron auf Leistungssportler geschrieben. Auch viele seine Vorgänger forschten zum Thema Doping. Seit 2010 ist er der wichtigste Arzt des Deutschen Olympischen Sportbundes.

Der Titel von Wolfarths Doktorarbeit lautet "Zur Regeneration im Ausdauersport". 1993 veröffentlichte er diese 30 Seiten knappe Dissertation an der Universität Freiburg. Die Athleten bekamen von Wolfarths Kollegen sechs Wochen lang pro Woche jeweils 250 Milligramm Testosteron gespritzt. Der Anabolika-Experte Luitpold Kistler nannte eine solche Dosis 2008 im Deutschlandfunk "mittleres bis hohes Doping", das zum Herztod führen könne. Im Sport ist Testosteron seit 1984 verboten.

Wolfarth war damit nicht allein. Die Forschung mit Dopingmitteln hat in der Bundesrepublik eine lange Tradition, wie Berliner Forscher belegen. Auch seine Vorgänger beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) forschten an Dopingmitteln - aus Steuergeld.

Wolfarth betont auf Anfrage, dass er an der Studie als Student mitgewirkt habe, die Doktorarbeit sei erst Jahre später veröffentlicht worden. Über die Hintergründe der Studie könne man sich durchaus streiten, es habe sich aber nun einmal um eine von der Ethikkommission der Uni genehmigte und vom Ministerium bewilligte Studie gehandelt. "Als Medizinstudent habe ich mich nach bestem Wissen und Gewissen damit auseinandergesetzt. Dazu stehe ich auch", schreibt Wolfarth. Heute, so der Mediziner, würde er einiges sicher anders einschätzen.

Im Jahr 1996 übernahm Wolfarth an der Freiburger Uniklinik das molekularbiologische Labor der Sportmedizin. Leiter der Abteilung war damals Doping-Verharmloser Joseph Keul, Wolfarths Kollegen leiteten zu der Zeit das systematische Team-Doping der Telekom-Radfahrer. Auch andere Sportler wie Leichtathleten bekamen in Freiburg über Jahre Dopingmittel. Wolfarth schreibt, er habe davon nie etwas mitbekommen, die Betreuung der Radsportler sei "schon immer sehr autark" gewesen. Wolfarth betreut seit 1993 Spitzensportler, seit 2000 ist er Verbandsarzt der Biathleten. Seit 2009 leitet er die Sportmedizin am Institut für Angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig, das von der Sportabteilung des Bundesinnenministeriums finanziert wird. Bei den Olympischen Spielen in Vancouver war er zum ersten Mal oberster deutscher Olympiaarzt. Wolfarth ist erst 46, eine Musterkarriere.

Bernd Wolfarth betont, dass er in seinem ganzen Leben noch nie einen Sportler gedopt habe. Und der Sportbund schreibt, Wolfarths Freiburger Vergangenheit habe bei seinem Engagement als leitender Olympia-Arzt keine Rolle gespielt. "Herr Dr. Wolfarth vertritt eine klare Haltung gegen Doping", schreibt der DOSB.

Wolfarths Vorgänger lassen den Eindruck aufkommen, dass Nähe zur Dopingforschung über viele Jahre für eine Karriere im deutschen Sport nicht hinderlich war: Wilfried Kindermann und der 2000 verstorbene Joseph Keul. Beide erforschten mit Steuergeldern die Wirksamkeit von Dopingmitteln.

Joseph Keul galt als mächtigster deutscher Sportmediziner, er lehrte sowohl den Saarbrücker Professor Kindermann, als auch DOSB-Arzt Bernd Wolfarth. Er verharmloste Doping und begrüßte den Einsatz von Testosteron. Ende der 1980er-Jahre leitete er eine Testosteron-Studie an den Universitäten in Freiburg, Köln und Saarbrücken. 300 000 Euro hatte das Innenministerium dafür zur Verfügung gestellt. Keul hatte in seinem Antrag für die Studie geschrieben, man wolle prüfen, "ob durch Gaben von Testosteron die Regeneration nach starken körperlichen Belastungen beschleunigt werden kann". Aus dieser Studie entstand auch die Doktorarbeit von Bernd Wolfarth.

Innenministerium, Bundesinstitut für Sportwissenschaft, Deutscher Sportbund und Nationales Olympisches Komitee stimmten der Forschung zu. Obwohl schon im ersten Abschnitt des Projektes die Leistungssteigerung durch Testosteron belegt werden konnte, verschwiegen die Forscher diese Ergebnisse und sprachen öffentlich davon, Testosteron bringe nichts. Keul argumentierte jahrelang dafür, Testosteron von der Dopingliste zu nehmen. Gleichzeitig verteilten seine Freiburger Kollegen Georg Huber und Armin Klümper die Mittel an Sportler, wie mittlerweile durch Forschungen und Gerichtsverfahren belegt ist.

Die Testosteron-Forschung in Freiburg, Köln und Saarbrücken sei als anwendungsorientierte Dopingforschung zu werten. Das schreiben Sporthistoriker der Berliner Humboldt-Universität, die seit 2009 an der westdeutschen Dopingvergangenheit forschen, ihre Ergebnisse aber bislang nicht veröffentlichen konnten. Auch mit den Dopingmitteln Insulin und Wachstumshormon haben westdeutsche Wissenschaftler in den 1970er- und 1980er-Jahren auf Staatskosten geforscht. In den 1950er- und 1960er-Jahren forschten deutsche Mediziner an den damals im Sport verbreiteten Aufputschmitteln.

Sportmedizinische Forschung in Deutschland hatte über Jahrzehnte enge Verbindungen zum Doping, das beschreiben die Berliner Wissenschaftler eindrucksvoll. Den sportmedizinischen Forschern selbst hat das ganz offenbar nicht geschadet.

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