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Entscheidung zum Bau im Nachbarland Mitte 2013 / Werbeprogramm für Kernkraft mit bunten Bussen

Bangen um Polens Atom-Pläne

Atomkraftwerke in Polen. Da sind sie geplant.
Atomkraftwerke in Polen. Da sind sie geplant. © Foto: MOZ
Cornelia Hendrich / 05.12.2012, 06:20 Uhr
Angermünde (MOZ) Bereits in einem halben Jahr will Polen über den Bau von Atomkraftwerken entscheiden. Die Uckermark sieht ihre Bürger bedroht und kritisiert, wie auch Brandenburg, die Pläne scharf. Durch Polen rollt derweil ein lustiger "Atom-Bus" und zeigt, wie fetzig doch Kernkraft ist.

Mitte 2013 will Polen über sein Atom-Programm entscheiden. Nach den Plänen soll das erste polnische Kernkraftwerk bis 2020 gebaut werden. In die engere Auswahl kommen derzeit wohl fünf Standorte, drei liegen direkt an der Ostsee: Zarnowiec, Kopan und Gaski. Hinzu kommen Warta-Klempicz und Nowe Miasto im Landesinnern.

Nach deutsch-polnischen Beratungen zu den Atom-Plänen in der vergangenen Woche sagte Brandenburgs Umweltministerin Anita Tack (Die Linke): "Von einem Kernkraftwerk in Polen wird immer auch eine potenzielle Gefährdung für die Brandenburger Bevölkerung ausgehen." Brandenburger Vertreter hätten auf die Risiken der Technologie und die Probleme der Endlagerung hingewiesen und auf Alternativen zur Kernenergienutzung. "Wir hoffen, dass man Polen noch zum Umdenken bewegen kann", sagte gestern Achim Wersin vom Brandenburger Umweltministerium.

Bereits 20 000 Unterschriften hatte die Initiative "Atomkraftfrei leben in der Uckermark" (Aflum) gegen die ersten Pläne gesammelt, direkt an der uckermärkischen Grenze ein Atomkraftwerk zu bauen. Die Unterschriften waren der polnischen Botschaft in Berlin übergeben worden.

In Deutschland haben mindestens 30 000 Bürger ihre Bedenken vorgebracht, ebenso wie das Land Mecklenburg-Vorpommern und viele Brandenburger Gemeinden. Nach EU-Recht ist Polen verpflichtet, diese Einwände in die Umweltprüfung einzubeziehen. Aflum sieht es als ihren Erfolg, dass die Pläne in direkter Grenznähe, vor den Toren von Schwedt und Gartz, aufgegeben wurden. "Doch es kommt jetzt nicht wirklich besser", sagt Mike Bischoff (SPD), Landtagsabgeordneter und Aflum-Mitglied. "Zu unserem Erschrecken hat Polen nach der Havarie von Fukushima seine Bestrebungen für die Atommeiler sogar noch beschleunigt."

Zudem hat Polen ein Wohlfühl-Werbeprogramm für Atomenergie gestartet. Mit einem sogenannten "Atom-Bus" in Bonbonfarben und mit jugendgerechten bunten Flyern wird derzeit überall im Land für Kernenergie geworben. Auf seinen Stationen bietet der Bus Wettspiele und Vorträge für Schulkinder an. Vor einer Woche war er in Stettin. Neben den Großstädten macht der Bus vor allem auch in der Ostseeregion Halt, denn dort hatte es in letzter Zeit Proteste gegen einen Kraftwerksbau gegeben.

Ein Kernkraftwerk bedroht Brandenburg, ob nun 30 oder 200 Kilometer entfernt, sagt Mike Bischoff. Der billige Strom sei kein Argument. Allein den DDR-Versuchsreaktor im brandenburgischen Rheinsberg zurückzubauen habe einen dreistelligen Millionenbetrag gekostet. Dazu kämen die Kosten der Endlagerung für Tausende von Jahren. "Wenn man all dies zusammenrechnet, käme man nie auf die Idee, einen Reaktor zu bauen", so Bischoff. "Berlin hat das Problem noch gar nicht ganz begriffen, dass bald ein paar hundert Kilometer von der Hauptstadt entfernt ein Kernkraftwerk gebaut werden könnte."

Brandenburg habe alles getan, was es könne. Ministerpräsident Matthias Platzeck habe bei jedem Besuch in Polen das Problem angesprochen, so Volker Schmidt-Roy von Aflum. Jetzt ruhen die Hoffnungen auf den Polen selbst. Denn nun, wo die Standorte klarer werden, regt sich auch Widerstand in Form von Bürgerprotesten in Polen. In Gaski an der Ostsee stimmten vor Kurzem bei einer Bürgerbeteiligung 94 Prozent gegen den Atommeiler. Zudem steht noch in Frage, ob sich überhaupt ein ausländischer Investor finden lässt, der Polen den milliardenteuren Meiler baut.

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Siggi 08.12.2012 - 20:46:43

weiter so!

evtl. wird dann der strom mal wieder billiger. die einheitspampe aus deutschen anbietern wäre dann vielleicht geschichte!

Isenhagen 08.12.2012 - 08:20:17

wenn man in Polen Atomkraftwerke baut

dann ist das Sache der Polen. Die deutschen Politiker haben gewiss genug andere Aufgaben im eigenen Land als sich dort einzumischen. Auch Frankreich und England haben Atomkraftwerke und können ohne dieser gar nicht. Aber hier soll am "ganz plötzlich entstandenen" deutschen Wesen wieder mal die Welt genesen. Und die Zeitung hat auch nicht das Recht zu formulieren: die Uckermark protestiert oder Brandenburg ist dagegen....ich bin auch Uckermark und Brandenburg und kenne einige die wie ich das ganze gern und ohne Besserwisserei den Polen überlassen.

Le Baron 06.12.2012 - 17:01:33

Der Herr Bischoff...

...dem ist es völlig egal, wenn in Schwedt oder der Uckermark die Leute beklaut werden, die Region regelrecht geplündert wird, egal ob von Ausländern oder Einheimischen, aber ein noch nicht gebautes Atomkraftwerk in ein paar hundet Kilometern Entfernung, da macht er sich große Sorgen. Man muß halt seine Prioritäten setzen.

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