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Hörstück wegen großer Nachfrage wiederholt / Kulturreihe im Max-Delbrück-Haus erfolgreich gestartet

Jamlitzer Bahnhof beginnt zu reden

Blumen und Applaus: Neun Laiendarsteller haben in einer Mischung aus Texten und Klangcollagen die Geschichte von Jamlitz reflektiert.
Blumen und Applaus: Neun Laiendarsteller haben in einer Mischung aus Texten und Klangcollagen die Geschichte von Jamlitz reflektiert. © Foto: MOZ/Jˆrg K¸hl
Jörg Kühl / 27.05.2013, 18:10 Uhr
Jamlitz (MOZ) Das ehemalige Bahnhofsrestaurant von Jamlitz wurde zur Bühne: Neun Darsteller haben das Hörstück von Christian Seiffert vor knapp hundert Gästen zweimal aufgeführt.

Aus den Boxen dröhnt das Geräusch einer abfahrenden Diesellok. Das turbinenartige Pfeiffen entfernt sich und wird immer leiser, bis nur noch Vogelgezwitscher zu hören ist. "Die Taigatrommel. Das letzte Mal war es noch Dampf. Ein halbes Leben ist das her", beginnt eine Stimme in die eingetretene Stille zu sprechen. Es ist der Besucher, der "nach 30 Jahren und 600 Tagen" wieder in sein Heimatdorf Jamlitz zurückkehrt. Doch nicht nur der Besucher beginnt zu reden. Auch der Bahnhof erhält eine Stimme. Außerdem zwei Robinien, die Dorfstraße, der Wirtshaussaal - sie alle tauchen in Christian Seifferts Hörstück als sächliche Protagonisten auf. Es spielen aber auch Menschen mit: Vater, Mutter und Kinder, die Frau Kommerzienrätin, der Leierkastenmann. Um diese Figuren herum spinnt sich die Geschichte eines Heimatortes, wie sie Seiffert, der 1935 geboren wurde, bis zu seinem Wegzug gen Westen im Jahre 1958 und nach der Wende bis heute erlebt hat.

Im Hörstück erinnert sich Seiffert an seine Kindheit, etwa an den Kaugummiautomaten, der immer schon kaputt war, und an seine Jugend, die er im Haus seines Großvaters Walter Kühne in Jamlitz verbrachte. Kühne zählt ebenso wie Christian Seifferts Vater Erich zu den herausragenden Mitgliedern der Jamlitzer Künstlerkolonie. Christian Seiffert kehrte nach der Wende in das Haus seines Großvaters zurück und lebt seitdem abwechselnd im oberbayrischen Eresing und in Jamlitz. Auch die tragische Epoche des Ortes Jamlitz - die Zeit des KZ-Außenlagers und des sowjetischen Speziallagers - blieb im Hörstück nicht ausgespart. Hier schlüpften die "sprechenden Dinge" wie in der klassischen griechischen Tragödie in die Rolle des mahnenden Chores: Sachen als sprechendes Gewissen. Bereits eine Viertelstunde vor Beginn des Hörstücks "Jamlitzer Dorfgeschichten" war der Raum überfüllt, keiner konnte mehr hinein; eine zweite Aufführung wurde kurzerhand anberaumt, um der Nachfrage Herr zu werden.

Die Erwartungen an das Stück, das von der Landeszentrale für politische Bildung mitfinanziert worden war, wurden von den neun Darstellern unter der Leitung des Autors Seiffert und der Regisseurin Doreen Schindler voll erfüllt. Obwohl die Darsteller - Seifferts Frau Barbara, seine Tochter Friederike mit zwei Kindern, Andreas Weigelt, Susann Kloss, Silvia Putz, Herbert Schulz - Schauspiel-Laien waren, kam das Hörstück durchaus professionell "rüber". Kein Wunder, denn Seiffert hat bis zu seiner Pensionierung als Hörfunk-Redakteur gearbeitet.

Die Leiterin des Max-Delbrück-Hauses, Anett Quint, zeigte sich glücklich und erleichtert, dass die Jugendbegegnungsstätte vom Publikum so wohlwollend angenommen wird. Bereits bem Tag der offenen Tür waren Hunderte von Besuchern, teilweise von weiter entfernten Orten, nach Jamlitz gereist.

Karuna hatte das Bahnhofsgebäude 2007 von der Deutschen Bahn AG gekauft und zunächst das Untergeschoss saniert. Seit diesem Frühjahr werden erste Seminare für Jugendgruppen angeboten.

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