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Erfolgreiche Hilfe durch Antrag aus dem Fonds sexueller Missbrauch der Bundesregierung nach dem Runden Tisch / Große Freude über Hilfe bei Rentner

Eberswalder Heimkind erhält Entschädigung

Eberswalde, 19.07.2013,Hartmut von Damaros
Eberswalde, 19.07.2013,Hartmut von Damaros © Foto: Andreas Karpe-Gora
Andrea Linne / 04.08.2013, 18:28 Uhr
Eberswalde (MOZ) Hartmut von Damaros strahlt über das ganze Gesicht. Er hat ein schweres Leben gehabt. Doch jetzt, einmal, hat es mit einer Entschädigung geklappt. Aus dem Fonds sexueller Missbrauch, der vom Runden Tisch Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich bewertet und vergeben wird, hat er eine Entschädigung von 10 000 Euro erhalten. Von Damaros steht unter Betreuung, deshalb wird das Geld auch nicht verschwinden. Es soll der Möbelanschaffung in der Wohnung des Eberswalders dienen. Vielleicht kann er auch umziehen in eine bessere Wohnung bei der Arbeiterwohlfahrt im Brandenburgischen Viertel.

Darüber freut sich auch die Linke Landtagsabgeordnete Margitta Mächtig. "Wir haben uns vor zwei Jahren kennengelernt", erinnert sich die Politikerin. "Damals hat mir der Eberswalder aus seinem Leben erzählt. Ich war betroffen und habe ihm geraten, den Runden Tisch um Hilfe anzurufen", so Margitta Mächtig.

Das habe er mit Hilfe seines Betreuers auch getan, erzählt der heute 57-jährige Mann, der eine Rente bezieht. Er kann nicht arbeiten, weil er sich nicht konzentrieren kann, weil die Bilder in seinem Kopf zu mächtig sind, die Erinnerungen an jene Zeit, die ihn fast zerstört hat.

"Wir waren 14 bis 16 Jungen, die unter dem Mann gelitten haben, der ein großes Tier war, ein Bonze. Er hat uns jeden Monat gequält und vergewaltigt, wir mussten tun, was er sagte", erzählt von Damaros. Seine Augen huschen nervös hin und her, er knetet seine Finger. Dabei lacht er, freundlich und glücklich darüber, dass er Hilfe erfahren hat.

Geschehen ist das alles in Stolpe, einem Kinderheim in der Nähe von Angermünde. Es war ein Parteisekretär, der den Kindern die Gewalt antat. Ein Mann, der heute nicht mehr lebt. Erwiesen hat sich die Geschichte dennoch, auch deshalb hat der Fonds die Entschädigungszahlung anerkannt. "Von den Jungen leben heute nur noch vier", erzählt von Damaros. Alle anderen hätten ihr Leben nie in den Griff bekommen, sich kaputt gesoffen oder auch das Leben genommen. Auch das ließ sich nachweisen.

Geboren als Kind einer Mutter, die während der Flucht aus Polen vergewaltigt worden war, kam von Damaros früh in Heime. Die Mutter konnte ihn nicht lieben. "Ich ging von Hand zu Hand, wurde sogar zweimal eingeschult, erst in Joachimsthal und später in Frankfurt", zählt der schmalgesichtige Mann auf. Dann kam er als schwer zu händelnder Junge in das Heim in Stolpe. "Ich habe geweint, niemand hat mich getröstet", erzählt er. Dann sei jener Mann gekommen, der sich wärmend an ihn kuschelte. "Er hat gesagt, wenn ich lieb bin, dann tröstet er mich", berichtet das Opfer. Ein Jahr lang sei er Lustobjekt gewesen. Er habe geschrien, um sich geschlagen. In der Schule sei er sowieso nie mitgekommen. Die DDR-Behörden erfuhren schon früh von den Übergriffen, versetzten den Lehrer nach Pritzhagen, anstatt ihn ganz aus dem Verkehr zu ziehen und rechtlich zu belangen.

Von Damaros versuchte, auch in der DDR irgendwie zurechtzukommen. Seine Lehre im Tiefbau in Bad Freienwalde, hat er nie beendet. Er landete weiter in Heimen, darunter auch im Durchgangsheim Bad Freienwalde. Dort mussten die Kinder und Jugendlichen hinter Gittern leben und Zwangsarbeit leisten. Anfang 2012 waren Betroffene, darunter auch von Damaros das erste Mal wieder dort, begleitet von den Fachleuten. Wie Kerstin Kuzian, die Beauftragte für ehemalige DDR-Heim- und Jugendwerkhofkinder, die allein in Brandenburg 335 Betroffene betreut hat.

"Ich war verhaltensauffällig", sagt von Damaros. Er sei nicht in der Lage gewesen, ein normales Leben zu führen. Auch deshalb wird er betreut, um die Alltagsgeschäfte abzuwickeln und sich nicht an falschen Stellen zu engagieren. So wollte von Damaros gleich Geld für arme Kinder spenden, doch dafür ist die Entschädigung eben nicht gedacht.

Sie soll ihm helfen, ein bisschen besser zu leben und aus dem wenigen, das er hat, ein bisschen mehr zu machen. Auch wenn sich nachts Gefängnistüren schließen und den Mann aus dem Brandenburgischen Viertel nicht schlafen lassen.

Viele Betroffene sexuellen Missbrauchs haben zu Beginn des Jahres 2010 ihr Schweigen gebrochen. Sie erlebten Gewalt durch Lehrkräfte, wie Hartmut von Damaros aus Eberswalde, oder Eltern sowie Trainer oder Priester. Über den Fonds sexueller Missbrauch gibt es Beratungsstellen, die helfen und um die Anerkennungen kämpfen. Nur dann sind Entschädigungen möglich. In Brandenburg gibt es unter anderem die Beratung über den Weissen Ring. Lothar Pohle ist unter Telefon 0331 291273 zu erreichen oder per E-Mail unter lbbrandenburg@weisser-ring.de.

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D. Sch. 05.08.2013 - 23:43:48

@Strausberger

lesen und rechnen! Wir haben 2013 und der Mann ist 57! Also ist die Mutter um 1955 herum geflüchtet! Das kann schon sein, in dem Zeitraum sind noch viele Deutsche aus den ehemals deutschen Gebieten in Richtung Westen geflüchtet! Einige sind zu dem Zeitpunkt dann schon zum zweiten Mal auf der Flucht gewesen. da man 1945 wieder zurück kehrte.

Jane Oorleef 05.08.2013 - 13:28:08

Ergänzendes Hilfesystem

Vielen Dank für diesen Artikel. Meiner Meinung nach ist allerdings nicht deutlich genug beschrieben, dass es sich bei diesen Entschädigungszahlungen um Sachleistungen handelt. Es bekommt kein/e Betroffene/r 10.000 € auf die Hand. Die Sachleistungen sind auf 10.000€ begrenzt. Für behinderte Menschen ist es möglich noch 5.000€ zusätzlich zu beantragen, auch hierbei handelt es sich um Sachleistungen (spezieller Mehrbedarf auf Grund der Behinderung). Das EHS springt nur ein, wenn alle Möglichkeiten der gesetzlichen Hilfeleistungen ausgeschöpft sind. Informationen auch hier http://www.fonds-missbrauch.de/ JaneO. Betroffene sexualisierter Gewalt in der Kindheit

Strausberger 05.08.2013 - 11:56:09

Flucht aus Polen???

Die Redakteurin sollte besser recherchieren, präzisieren und richtigstellen. Sie schreibt: "Geboren als Kind einer Mutter, die während der Flucht aus Polen vergewaltigt worden war..." Eine Flucht aus Polen ist - historisch betrachtet - nicht schlüssig. von Damaros Mutter flüchtete sicherlich vor der Roten Armee, die im Zuge des 2. Weltkriegs die deutschen Ostgebiete, Ostdeutschland genannt, einnahm.

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