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Fürst Pückler war nicht nur einer der wichtigsten Gartenkünstler Europas. Er war auch Abenteurer, Weltreisender und Salonlöwe. Sein besonderes Verhältnis zu Frauen haben zwei Forscher aus Branitz näher untersucht / Von Thomas Klatt

"Geliebter Pascha" - Fürst Pückler und die Frauen

Thomas Klatt / 24.09.2013, 21:40 Uhr - Aktualisiert 24.09.2013, 22:23
Branitz/Frankfurt (Oder) (MOZ) War Hermann Fürst von Pückler-Muskau ein großer Romantiker oder ein hartherziger Womanizer? Konnte er wahrhaft lieben oder hat er nur in Briefen geschwärmt? Und wie waren die Frauen, die ihm zu Füßen lagen und um die er sich bemühte und selten in ihrer Gänze bekam? Es sind Fragen, denen in den zurückliegenden Jahren die Historiker Christian Friedrich und Volkmar Herold von der Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz nachgegangen sind.

Der Start in Pücklers Liebesleben ist nicht harmonisch. Seine Mutter ist jung, bei seiner Geburt gerade 15 Jahre alt, sein Vater nicht interessiert und ein Despot. Man lebt auf der Standesherrschaft Muskau, wo Pückler 1785 geboren wird. "Die Mutter, Clementine von Pückler-Muskau, sieht ihn als eine Puppe, die man nach Launen bespielen kann", sagt Historiker Friedrich. Wirkliche Liebe empfängt er nicht. Er wird zur Erbauung und Gartenarbeit in die Herrnhuter Brüdergemeine ins nahe gelegene sächsische Uhyst geschickt. Siebenjährig begegnet er dort seiner älteren Cousine, der Gräfin Nathalie von Kielmannsegge, in die er sich - wie Pückler in der Biografie später schreibt - "sterblich" verliebte. "Sie zerflossen in Thränen, schön wie eine zerknirschte Heilige, und ich in Liebe, süßer noch als Christus". Ein Mutterersatz? "Sicher", so Friedrich, davon sei auszugehen, ohne dass man Psychologe sein müsse. Diese intensive Zuneigung eines Siebenjährigen sei sehr ungewöhnlich, bei Pückler jedoch ist es der Start in ein turbulentes Liebesleben.

Eine heiße Affäre verbindet ihn später mit der Sopranistin Henriette Sontag. Sie ist ein Superstar ihrer Zeit, singt in den großen Opernhäusern Europas genauso wie in den Salons, sie ist die Anna Netrebko des frühen 19. Jahrhunderts. Pückler trifft sie 1828 in London und verliebt sich sofort. Die Story ist filmreif, sagt Herold. Man macht einen Kutschausflug aufs Land, plaudert und herzt sich, die Zofe bleibt zurück, und dann ist man nur zu zweit. Alle Historiker gehen davon aus, dass es, um in der zurückhaltenden Formulierung der Zeit zu bleiben, zum Äußersten kam. Doch die Liebe hat ihre Tücken. Henriette ist verheiratet mit Graf Rossi, einem sardischen Diplomaten, mit dem sie später sieben Kinder haben wird. Pücklers Heiratsantrag muss sie ablehnen. Und doch sehe man hier auch des Fürsten Grundproblem mit Frauen, sagt Herold. Er verliebt sich, wie später oft in verheiratete Frauen seines Standes. Er umwirbt sie, wird kurz erhört, aber meist abgewiesen. "Es scheint", sagt Herold, "als ob er eine Bindung scheut." Später klagt er in seinen Briefen über das Unglück, das ihm da widerfährt. Am Ende ist Henriette konsequent und ihrem Sarden wieder treu ergeben. Sie stirbt 1854 in Mexiko auf einer Tournee, 17 Jahre vor Pückler. Auf Wunsch wird sie im sächsischen Marienthal an der Neiße beigesetzt.

Vielleicht war es - bei vielen Affären - diese gewisse Unerreichbarkeit der Frauen, die ihn, den Weltenbummler und Vielreisenden, dazu verleiten lässt, auf dem Sklavenmarkt in Kairo im Jahre 1837 eine junge schöne Sklavin zu kaufen. Sklavin heißt: Sie ist ganz sein, nur an ihn gebunden und formbar. Machbuba ist zwischen zwölf und 14 Jahre alt, genau dokumentiert ist es nicht. In seinem Buch "Aus Mehemed Alis Reich" beschreibt er sie zärtlich: "Aber ihr Körper! Woher in des Himmels Namen haben diese Mädchen, die barfuß gehen und nie Handschuhe tragen, diese zarten, gleich einem Bildhauermodell geformten Hände und Füße; sie, denen nie ein Schnürleib nahekam, den schönsten und festesten Busen ...?" Doch bei aller erotischer Schwärmerei ist er auch Gentleman: "Übrigens versteht es sich von selbst, dass ich ein zu gewissenhafter und selbst zu freier Preuße bin, um sie jetzt noch als Sklavin zu behandeln. Mit dem Eintritt in mein Haus war sie eine Freie ..."

Machbuba begleitet ihn auf seiner Schiffsreise nach Assuan, später lässt er sie im Harem von Bali Kaschef zurück, holt sie auf dem Rückweg ab, und 1838 verlassen sie den Kontinent, den Machbuba nie wieder sehen wird. Doch schon in Konstantinopel überrascht Pückler seine junge Geliebte bei einem Liebesabenteuer mit einem anderen. Pückler ist auf Lausitzer Art sauer, jedoch nicht wirklich nachtragend. Er zeigt sie auf dem beschwerlichen Rückweg ins Preußische an den Höfen seiner Gastgeber und erregt Aufmerksamkeit. Ein Verrückter, ein Abenteurer, ein Frauentyp, dieser Lausitzer, der so gar nicht ins landläufige Bild des Preußen passt!

Sie kommen per Schiff auf der Donau über Buda nach Wien. Doch da wartet schon Lucie von Hardenberg, die Exfrau und Lebenspartnerin. Lucie gilt als tolerante Preußin, ist sie doch die Tochter des Staatskanzlers. Und hatte sie selbst nicht die Idee einer Scheidung von Pückler, um ihn nach England zu schicken auf Brautschau? Eine reiche Britin sollte er nehmen und dringend benötigtes Geld für Park und Schloss akquirieren. Immerhin hat sie die "Briefe eines Verstorbenen" herausgegeben, deren großer Erfolg doch noch Geld in die Kasse spülte. So manche Affäre hat sie toleriert, von den Bordellbesuchen in England ganz zu schweigen.

Doch das hier geht zu weit! Eine minderjährige Schwarze, eine "Zweitfrau" auf dem Schloss und im Park. Unmöglich! Pückler knickt nicht ein, aber die Ankunft in Muskau ist eher unauffällig. Da hatte das Schicksal bereits seinen Lauf genommen. Machbuba wird krank und stirbt 1840 an Tuberkulose in einem kalten Land, das nicht ihre Heimat ist. Pückler ist nicht bei ihr. Die Geschäfte, die Verpflichtungen in Berlin, man müsse verstehen. Ähnlich wie sein Zeitgenosse Goethe - man kennt und schätzt sich - ist er galant und kühn, mit dem Tod jedoch will er sich nicht auseinandersetzen. Große Geister lieben das Leben und das Schöne, nicht wahr? Machbuba stirbt ebenso wie Goethes Frau Christiane allein und ohne Beistand.

Mit Lucie, die er 1817 heiratet und sich später, 1826, "planmäßig" wieder scheiden lässt, verbindet ihn lebenslang Respekt und Achtung. Er nennt sie Schnucke, sie ihn Lou. Nur am Anfang knirscht es. Prahlt er doch in den Berliner Salons mit seiner Eroberung und sieht sich schon als "Besitzer" dreier Frauen: Lucie selbst, ihrer Tochter Adelheid und der Pflegetochter Helmine. Auch da schreitet Lucie ein. Mit Erfolg. Pückler entscheidet sich.

1831 trifft er auf Bettina von Arnim, Dichterin und frühe "Frauenrechtlerin", spätere Herrin von Schloss Wiepersdorf südlich von Berlin. Sie ist die Schwester von Clemens von Brentano, dem Dichter der deutschen Romantik. Ist Pückler anfangs begeistert, kühlt sich die Beziehung bald ab. Bettine gilt als nervige Plaudertasche, und gern schmücke sie sich, so empfindet es Pückler, mit berühmten Männern ihrer Zeit.

Mit dem Alter scheint er für die Damenwelt interessanter zu werden. "Es ist wohl auffallend, daß mir jetzt in meinem sechzigsten Lebensjahre die Weiber weit mehr entgegenkommend sind als mit 25 Jahren", schreibt er 1845 in sein Tagebuch.

So sieht es wohl auch Rosalie, die "charmante" Gräfin de Rochefaucauld. Pückler ist wie immer verliebt. Mit ihr verbringt er seinen 60. Geburtstag. "Heute gab sie mir einen kühnen Beweis ihrer Liebe. Die Abenteuer dieser Nacht sind in Wahrheit erstaunlich für mein Alter", lobt er sich selbst. Auch sie ist verheiratet, und er schreibt über die "Pein, so das Glück in seiner Hand zu sehen und es nicht mehr auskosten zu können".

Mit der 20-jährigen Ada von Treskow verbindet den 75-Jährigen ein liebevoller Briefwechsel. Und ähnlich wie Goethe, der sich im hohen Alter noch Heirats-Hoffnungen macht auf die 17-jährige Ulrike von Levetzow, pflegt Pückler den schriftlichen Verkehr mit der klugen Ada. Sie nennt ihn "geliebten Pascha", er sie "feurigste Gnomin".

Herold und Friedrich sind sich einig: Pückler vereinigt in sich vieles. Er ist amouröser Liebhaber, guter Briefeschreiber, ein Galan, Charmeur und Herzensbrecher. Nur eines fehlt ihm: die Gabe sich zu binden, ja sich zu entscheiden. Beständigkeit ist nicht Teil seines Daseins. War er ein Leben lang auf der Suche nach einer Kindheit, die er nie hatte?

In seinem Park in Branitz bei Cottbus liegt Pückler im Tumulus, der Seepyramide, begraben; der Körper zersetzt in einer chemischen Lösung, das Herz in einer gesonderten kupfernen Urne mit Schwefelsäure übergossen. An abendländische Rituale hielt er sich nicht. Erst später, 1884, wird Lucie umgebettet und an seiner Seite sein. Pückler, der Gartenkünstler, weiß um die Wirkung gut gestalteter Skulptur: Als goldene Büste blickt Henriette - gut sichtbar platziert vor dem Schloss - zu seinem Zimmer hinauf. So, als würde sie noch einmal auf ihn warten.

Oktober 1785 wird Fürst Hermann von Pückler-Muskau auf Schloss Muskau geboren.

1792 kommt er zur gärtnerischen Ertüchtigung nach Uhyst in die Herrnhuter Brüdergemeine.

1800 beginnt er ein Studium in Leipzig, er unternimmt ausgedehnte Reisen in die Provence und nach Italien, später nach England.

1811 Nach dem Tod des Vaters übernimmt er die Standesherrschft Muskau.

1815 Nach dem Wiener Kongress und der Neuaufteilung Europas gelangt ein Großteil seines Grundbesitzes auf preußischen Boden. Pückler wird Preuße.

1817 Heirat mit Lucie von Hardenberg, geschiedene von Pappenheim.

1826: Lucie und Pückler lassen sich formell scheiden. 1837 Pückler kauft das Mädchen Machbuba auf dem Sklavenmarkt von Kairo und führt sie nach Muskau.

1840 Machbuba stirbt an Tuberkulose.

1845 Verkauf von Schloss und Park Muskau und Rückzug auf das Erbgut Branitz, wo Pückler am 4. Februar 1871 stribt.

1871 Pückler stirbt in Branitz.

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