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Kritiker des Braunkohleabbaus aus 20 europäischen Ländern wollen am Sonnabend ein Zeichen setzen

Menschenkette durch die Neiße

Marvin Kracheel (l) und Martin Dotzauer sind Mitorganisatoren des Lausitzcamps gegen die Braunkohle
Marvin Kracheel (l) und Martin Dotzauer sind Mitorganisatoren des Lausitzcamps gegen die Braunkohle © Foto: MOZ/Dietrich Schröder
Dietrich Schröder / 22.08.2014, 07:54 Uhr - Aktualisiert 22.08.2014, 22:14
Kerkwitz (MOZ) Dutzende brandenburgische und polnische Gemeinden an der Neiße könnten in den kommenden Jahren von der Landkarte verschwinden, weil unter ihnen Braunkohle lagert. Am Sonnabend soll mit einer internationalen Menschenkette dagegen protestiert werden.

Die 77-jährige Ingeborg Henze aus Kerkwitz läuft gemeinsam mit ihrer Nachbarin durch das Klimacamp. "Wir finden es gut, dass hier gegen neue Braunkohletagebaue protestiert wird. Denn ich will nicht erleben, dass mein Elternhaus verschwindet und dort, wo jetzt die Kirche steht, nur noch ein riesiges Loch ist." Jedes Mal, wenn die Rentnerin an dem einstigen Ort Horno vorbeikommt, der bereits abgebaggert wurde, läuft es ihr kalt über den Rücken. Ihr ganzes Leben hat sie hier verbracht.

Doch erst im Juni hatte die rot-rote Landesregierung unter großen Protesten ihre Zustimmung zur Erweiterung des Tagebaus Welzow-Süd bei Cottbus gegeben. 200 Millionen Tonnen Braunkohle will der Energiekonzern Vattenfall dort ab 2026 fördern. Hunderte Menschen, zum Beispiel aus der Gemeinde Proschim, wären davon betroffen. Braunkohle werde noch auf unbestimmte Zeit als Brücke zu den erneuerbaren Stromquellen gebraucht und außerdem sichere sie um die 8000 direkte Arbeitsplätze in der Region, hieß es zur Begründung.

Im Klimacamp von Kerkwitz, das seit Sonntag läuft, setzt man sich mit solchen Argumenten auseinander. "Wir fordern gar nicht, die derzeit bestehenden Gruben zu schließen. Aber angesichts der Erwartung, dass schon in spätestens fünf Jahren der gesamte Energiebedarf zumindest stundenweise aus erneuerbaren Energien gedeckt werden kann, sind weitere Tagebaue überflüssig." Das sagt Martin Dotzauer, einer der Organisatoren des Camps. Der 34-Jährige stammt aus Jänschwalde-Ost, wo eines der größten Braunkohlekraftwerke steht, und beschäftigt sich als Mitarbeiter des Deutschen Biomasse-Forschungszentrums in Leipzig intensiv mit Energiefragen.

Er versucht, sich auch in die Lage der Energiekonzerne zu versetzen. "Etwa 2025 muss der letzte Block des derzeitigen Kraftwerks in Jänschwalde ohnehin aus Altersgründen vom Netz", sagt er. Genauso lange würde aber noch die Kohle aus den bisherigen Gruben reichen. In dieser Zeit könnte auch über den Strukturwandel für die Beschäftigten nachgedacht werden.

Besonders enttäuscht ist man von Politikern der Linken, die noch vor der Wahl 2009 versprachen, dass es keine weiteren Tagebaue geben werde und dies auch jetzt wieder tun. Außerdem wird viel über die Lage im benachbarten Polen diskutiert, wo sogar 3000 Menschen aus 13 Orten an der Neiße ihre Heimat verlieren sollen. Anna Wydra aus dem Ort Grabice argumentiert ähnlich wie Ingeborg Henze: "Hier ist doch unsere Heimat - und die unserer Kinder."

Am Sonnabend soll es zwischen 13.45 Uhr und 14.15 Uhr eine Menschenkette zwischen beiden Orten geben, die nicht über eine Brücke, sondern bei Groß Gastrose quer durch die Neiße führt. Die örtliche Feuerwehr will dabei für Sicherheit sorgen. Große Organisationen wie Greenpeace, BUND und andere haben die Anreise von Teilnehmern aus 20 Ländern organisiert. "Wir rechnen mit mehreren Tausend Leuten, vor allem aber mit den Menschen aus der Region", sagt Greenpeace-Sprecherin Cornelia Deppe-Burghardt. Nach der Menschenkette spielen an der Grenzbrücke Sekowcie deutsche und polnische Bands.

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Till 23.08.2014 - 12:57:07

@Discher

Lieber Herr Discher, diesen (nicht böse gemeint) naiven Glauben haben viele, nur physikalisch stimmt er nicht. Sehen Sie sich nur einmal den Wetterbericht im Fernsehen etwas genauer an. Deutschland hat zumeist flächendeckend die gleiche Wetterlage und noch schlimmer, die meisten Nachbarländer haben sie mit uns. Mehr und genaueres können Sie unter www.vernunftkraft.de lesen. Und noch was, um nur ein Viertel des Deutschen Strombedarfes eines Tages mit Windkraftstrom abzudecken, müßte aller 7,4 km (im Quadrat) Deutschland flächendeckend mit einem Windpark bestückt sein und beständig (24 h Tag für Tag) Wind ab Stärke 4 wehen. Das ist kein realistisches Szenario – oder? Deshalb, die "Grünen" sind Rattenfänger ohne auch nur ansatzweise hinreichende Sachkenntnis, aber viel polemischer Rhetorik. Fallen Sie bitte nicht darauf rein!

Helmut Discher 23.08.2014 - 12:11:32

@ Till

Es ist ja nun nicht in ganz Deutschland auf einmal Windflaute. Wenn ein Windpark Flaute hat können in einem anderen Windpark die Anlagen auf Nennleistung laufen. Und Windparks iauf dem Meer werden das ausgleichen weil der Wind dort kontinuierlicher ist. www.iwr.de

Till 23.08.2014 - 10:42:59

Ausstieg und was dann?

Kein Atomstrom, keine Kohlekraftwerke, windräder stehen bei Flaute still, desNnachts und bei Bewölkung kein Solarstrom, Gas- und Ölproduktion - aber nicht in Deutschland ... Großflächiges abholzen von klimaplastischen Wäldern zur Errichtung von Industrieenergieanlagen - kein Problem für diese "Grünen" Pareigänger in Deutschland, nur nicht in den Tropen... Man muss sich schon fragen, was diese "grüne" Partei und Ihre Jünger eigentlich wirklich wollen? Ich geh da deshalb nicht hin. Es ist wahrlich nicht einfach für die Betroffenen der Umsiedlung, schlimmer ist jedoch ganz Deutschland zu ruinieren und alle Landschaften zu versauen!

Informierter Bürger 22.08.2014 - 12:26:37

Anti-Kohle-Kette - stoppt den Klimakiller!

Die Kohle ist noch immer auf dem Vormarsch. Neue Tagebaue entstehen und immer mehr klimaschädliche Kohle wird verstromt. Mit einer internationalen Menschenkette am Samstag, den 23.August in der Lausitz südöstlich von Berlin fordern wir einen Ausstieg aus der Kohle - und eine konsequente Energiewende. Kommen Sie zur Menschenkette in die Lausitz! Zeit: 23. August 2014 bis 12:45 Uhr: Anreise bis 13:45 Uhr: Verteilen auf der Anti-Kohle-Strecke 13:45-14:15 Uhr: Zusammenschluss der Menschenkette ab 14:15 Uhr: Rückkehr zu den Bussen, Transfer zur Abschlusskundgebung 15:00-17:30 Uhr: Abschlusskundgebung, Markt der Möglichkeiten, Musik ab 17:30 Uhr: Abfahrtsmöglichkeiten für Busse 18:00-21:00 Uhr: Für Feierwillige: After-EndCoal-Party 21:00 Uhr: Ende der Veranstaltung Anreise: Die Anreise zur Kette ist mit Bus, Bahn, Fahrrad oder dem eigenen Verkehrsmittel möglich. Aus vielen Städten fahren Busse und Bahnreisegruppen: Quelle:https://www.campact.de/energiewende/anti-kohle-kette/info/ Wir sind dabei! Wir kommen mit dem Rad!

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