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Weiter Ärger um von Hagens Leichenmuseum

Der Tod in Szene gesetzt: In der Körperwelten-Ausstellung im vergangenen Jahr in Rostock fährt ein Plastinat Rad.
Der Tod in Szene gesetzt: In der Körperwelten-Ausstellung im vergangenen Jahr in Rostock fährt ein Plastinat Rad. © Foto: MOZ/Oliver Voigt
Maria Neuendorff / 23.09.2014, 19:25 Uhr
Berlin (MOZ) Gunther von Hagens hat mit seinen Leichenschauen schon immer polarisiert. Nun hat der Bezirk Mitte das geplante Körperwelten-Museum verboten. Das will trotzdem Anfang Dezember im Sockel des Fernsehturms eröffnen.

Die Toten spielen bei Gunter Hagens Karten, reiten auf Pferden und sind sogar beim Liebesspiel zu beobachten. Gerade die Ganzkörper-Plastinationen haben schon viel Entsetzen hervorgerufen, bringen vor allem Kirchenvertreter auf die Barrikaden, aber sie scheinen auch dermaßen zu faszinieren, dass die "Körperwelten"-Ausstellungen in den vergangenen zwei Jahrzehnten Millionen von Besuchern angelockt haben.

Aber ein Museum in der deutschen Hauptstadt bleibt dem Plastinator aus Heidelberg, der im brandenburgischen Guben eine Werkstatt betreibt, bisher versagt. Das Bezirksamt Mitte hat dem Vorhaben am Montag einen Riegel vorgeschoben. "Wir hatten diesmal genug Zeit, das rechtlich alles bis ins Detail zu prüfen", sagte Mittes Bürgermeister Christian Hanke (SPD) am Dienstag. "Das geplante Museum widerspricht dem Berliner Bestattungsgesetz." Leichen oder Leichenteile müssten demnach ordnungsgemäß unter die Erde, beziehungsweise verbrannt werden. Ausnahmen, die erlauben sie zu zeigen, wären höchstens bei der Ausbildung von Ärzten möglich. Aber selbst nach Sezierungen würden die Toten ordnungsgemäß bestattet. "Auch bei konservierten Körpern handelt es sich um Leichen", stellt Hanke klar.

Am Fuße des Fernsehturms laufen die Umbauarbeiten dagegen weiter. Die Auseinandersetzung mit dem Bezirksamt sieht Kuratorin Angelina Whalley scheinbar gelassen. "Wir brauchen keine Ausnahmegenehmigung vom Bezirk", schreibt die Ehefrau von Gunther von Hagens in einer Pressemittteilung. Man habe ein Rechtsgutachten, das diese Position untermauere. "Wir verstoßen mit unserem Museum auch nicht gegen geltendes Recht", erklärt die Ärztin. Schließlich zeige auch die Charité in ihrem Medizinhistorischen Museum eine umfangreiche Sammlung menschlicher Präparate. "Unser Ziel ist es, dem Besucher die wunderbare Komplexität des menschlichen Körpers lebensnah aufzuzeigen und somit seine Achtsamkeit für den eigenen Körper in allen Lebenslagen zu sensibilisieren." Das hätte in den drei vorangegangenen Berliner Ausstellungen auch problemlos geklappt, so die Kuratorin.

Ihr Mann erfand das Konservierungsverfahren der Plastination bereits 1977 an der Universität Heidelberg und hat es allen Kritikern zum Trotz seitdem kontinuierlich bis zur Perfektion entwickelt. Die Grundlage ist der Austausch von Körperwasser und -fett gegen einen Kunststoff. Nach Angaben der Körperwelten werde die Plastination inzwischen in über 400 Institutionen in 40 Ländern angewandt. Aufgrund ihrer Realitätsnähe und ihres hohen didaktischen Werts würde sie heute vor allem in der medizinischen Ausbildung an vielen Universitäten eingesetzt.

Auch in dem geplanten 1200 Quadratmeter großen "Menschen Museum" mit rund 200 Exponaten, das selbst von den Tourismuswerbern von VisitBerlin abgelehnt wird, sollen die Plastinate mit für Laien verständlichen medizinischen Erklärungen beschriftet werden, verspricht Whalley. "Wir eröffnen planmäßig diesen Herbst." Als Termin wird Anfang Dezember genannt.

Worüber Bezirksbürgermeister Hanke nur den Kopf schütteln kann. "Sollte die Ausstellung tatsächlich eröffnen, muss der Rechtsstaat entsprechend reagieren."

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Bubke 24.09.2014 - 21:20:41

Eine gute Entscheidung für Berlin

Das Verbot der permanenten Leichenschau unter dem Berliner Fernsehturm durch das Bezirksamt Mitte ist uneingeschränkt zu begrüßen. Diese Entscheidung war nicht nur eine mutige Entscheidung, wie ein Kommentator der „Berliner Zeitung“ seinen Beitrag überschreibt, um dann in seinem Kommentar die Entscheidung gleich wieder zu relativieren. Nein, das war sogar eine sehr, sehr mutige Entscheidung. Deshalb: Danke an den Bezirksbürgermeister von Mitte, Herrn Dr. Christian Hanke! Man bedenke nur einmal, welche enormen wirtschaftlichen Interessen mit dieser völlig pietätlosen Leichenschau zwecks kommerzieller Nutzung verbunden sind. Die nahezu offenkundige Werbung für diese permanent vorgesehene Horrorschau im aktuellen Beitrag der BILD-Zeitung, dem deutschen Leitmedium in Sachen Stimmungsmache, macht das überdeutlich. Nach dem Berliner Bestattungsgesetz dürfen Leichen nicht ausgestellt werden, sondern müssen zwingend bestattet werden, entweder durch Erd- oder durch Feuerbestattung. Das Verwaltungsgericht Stuttgart hatte in diesem Zusammenhang außerdem bereits in seinem Urteil vom 16. März 2004 darauf hingewiesen, dass es sich bei der so genannten „Plastination“ um keine Form der Bestattung handele. Daran kann auch die gegenteilige Behauptung des Plastinators nichts ändern, die Leichenplastination sei eine Form der Bestattung. Zudem stellte bereits die Hamburger Wissenschaftlerin da Fonseca 2006 als Ergebnis einer mehrjährigen Untersuchung fest, dass die angeblich „ewig haltbaren“ Leichenplastinate nach und nach zerfallen. In einem aufschlussreichen Artikel im „Hamburger Abendblatt“ vom 13.12.2006 wird darüber berichtet. Auch wenn nunmehr der Plastinator rechtlich gegen die Entscheidung des Bezirksamtes Mitte vorzugehen beabsichtigt, was sein gutes Recht ist, so irritiert doch die maßlose Arroganz, mit der er verkündet, im Dezember 2014 würde es die Ausstellung geben, so als wäre die getroffene staatliche Entscheidung nebensächlich. Um es an dieser Stelle klar und deutlich zum Ausdruck zu bringen: Wir brauchen weder in Berlin, egal ob in Mitte oder Friedrichshain-Kreuzberg, noch in der Bundesrepublik insgesamt einen kommerziell genutzten Leichenexhibitionismus. Hermann Bubke, Köpenick

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