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Testlauf für Neuruppin

 Rund 200 Rechtsradikale beteiligten sich am Sonnabend in Wittstock an einem Aufmarsch gegen Asylpolitik. Die meisten Teilnehmer kamen von außerhalb. Rund 300 Polizisten waren im Einsatz.
Rund 200 Rechtsradikale beteiligten sich am Sonnabend in Wittstock an einem Aufmarsch gegen Asylpolitik. Die meisten Teilnehmer kamen von außerhalb. Rund 300 Polizisten waren im Einsatz. © Foto: MZV
Markus Kluge / 29.03.2015, 23:11 Uhr
Wittstock (RA) "Das ist nicht Wittstock. Das muss ich mir nicht angucken." Jörg Gehrmann, parteiloser Bürgermeister der Dossestadt, fand am Sonnabend klare Worte, als Rechtsradikale durch die Innenstadt marschierten.

Etwa 200 Neonazis aus Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern hatten mit ihrer Demonstration und dem entsprechenden Polizeischutz Wittstocks Zentrum über Stunden in eine Geisterstadt verwandelt.

Bei vielen Gastronomen blieben an diesem sonnigen Tag die Stühle leer und auch Geschäftsleute warteten vergeblich auf Kunden. Denn wer konnte, machte an diesem Tag einen großen Bogen um die Innenstadt. "Das ist kein guter Tag für Wittstock", stellte Bürgermeister Gehrmann fest. Nicht nur, dass an diesem Tag die Kernstadt fast menschenleer war, Gehrmann fürchtet auch um den Ruf Wittstocks, das in den vergangenen Jahren hart daran gearbeitet hat, das Image einer Nazi-Hochburg loszuwerden.

"Wittstock steht für zukunftsgewandte Ideen und Forderungen. Das, was die Nazis wollen, richtet sich aber nur in die Vergangenheit und deren manifestierte Meinung macht mich einfach sprachlos", so Gehrmann.

Etwa 200 Rechtsradikale hatten sich ab mittags am Bahnhof versammelt, um von dort aus gegen die nach ihrer Meinung verfehlte Asylpolitik durch die Stadt zu ziehen. Dabei wurden Parolen wie "Deutschland Hooligan" und "Ausländer raus" skandiert und Lieder gespielt, in denen der Stolz auf die weiße Hautfarbe besungen wurde.

"Das ist kein bürgerschaftlicher Protest, wie immer suggeriert wird, sondern eindeutig rechtsradikal. Hier trifft sich alles, was in der Szene Rang und Namen hat", schätzte Gabriele Schlamann vom Mobilen Beratungsteam die Situation ein. Denn neben NPD-Mitgliedern, Anhängern von Freien Kräften und der neuen rechtsradikalen Partei "Der Dritte Weg" waren auch bekannte gewaltbereite Neonazis angereist. Sogar aus dem direkten Umfeld des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), dem zehn völkisch-rassistisch motivierte Morde, Bombenanschläge und Raubüberfälle in Deutschland zugerechnet werden, war ein Teilnehmer nach Wittstock gekommen. Mittendrin auch der Neuruppiner NPD-Stadtverordnete Dave Trick. Polizei und Szene-Kenner gehen davon aus, dass die Demo in Wittstock eine Art Probe für den "Tag der Deutschen Zukunft" war, der für den 6. Juni in Neuruppin angemeldet ist.

Während für den Aufmarsch in Neuruppin mit einem breiten Protest gerechnet werden muss, blieb dieser in Wittstock weitgehend aus. Lediglich rund 50 linke Jugendliche hatten von Beginn an probiert, die Demo der Rechtsradikalen zu stören, was die Polizei verhinderte. Ein Versuch, auf die Demo zu zurennen, wurde von der Polizei gestoppt. Auch als die Jugendlichen sich später auf die Straße setzten und so den Aufmarsch stoppen wollten, griff die Polizei durch, nahm bei einem Gerangel Pfefferspray in Anspruch und setzte einen großen Teil der Jugendlichen für knapp eine Stunde fest.

Die Bundestagsabgeordnete Dr. Kirsten Tackmann (Linke) schätze das Durchgreifen als unverhältnismäßig ein. "Maßvolle Mittel sehen anders aus", so Tackmann. Zudem beschwerte sie sich über Provokation von Beamten, die damit auch gegen das Gebot der Neutralität verstoßen haben. So sollen Polizisten die Protestierer hörbar als "bezahlte Demonstranten" bezeichnet und angedroht haben, dass "sie als erste abgeschoben werden". Zudem bedauerte sie, dass es keine geordnete und angemeldete Gegenveranstaltung im Stadtzentrum gab.

Zur Endkundgebung der Rechtsradikalen am Marktplatz konnten Demonstranten dann doch in Hörweite Stellung beziehen. Mit Pfiffen und Zwischenrufen versuchten sie weiter den Aufmarsch zu stören.

Später fegte Bürgermeister Gehrmann mit einer Straßekehrmaschine symbolisch "die braune Soße" aus der Stadt. Laut Polizeiangaben verlief der Tag weitgehend störungsfrei. Gegen sechs Teilnehmer des Aufzuges, die offenbar zum "Dritten Weg" gehören, wird wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz ermittelt, da sie mit uniformgleichen Jacken bekleidet waren. Gegen einen linken Demonstranten wurde zudem eine Strafanzeige wegen Beleidigung und Widerstand gegen die Polizei erstattet.

Mehr Bilder unter www.moz.de.

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