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Aufstand im Gemeindehaus

Haben Frankfurterinnen erforscht: Gisela Fahlbusch (links) und Sarah Damus haben den Spaziergang "Frauenorte" mitentwickelt. Hier stehen sie vor der Wirkungsstätte der Gemeindeschwester Luise Sartorius, die sich erfolgreich gegen die Gleichschaltung der G
Haben Frankfurterinnen erforscht: Gisela Fahlbusch (links) und Sarah Damus haben den Spaziergang "Frauenorte" mitentwickelt. Hier stehen sie vor der Wirkungsstätte der Gemeindeschwester Luise Sartorius, die sich erfolgreich gegen die Gleichschaltung der G © Foto: MOZ/Frauke Adesiyan
Frauke Adesiyan / 21.04.2015, 06:02 Uhr - Aktualisiert 21.04.2015, 15:24
Frankfurt (MOZ) An den drei Fakultäten der Europa-Universität lernen über 6700 Studenten. Rund 70 Professoren und deren Mitarbeiter forschen in ihren Fachgebieten. In der Reihe "Woran ich arbeite" berichten wir aus dem wissenschaftlichen Alltag der Viadrina.

Eine in Frankfurt exzellente Cembalistin bleibt nach ihrer Japan-Tournee 1941 in dem asiatischen Land und erforscht fortan die dortige Musik. Eine Journalistin und Frauenrechtlerin erreicht, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals Stillgelder - eine frühe Form des Mutterschaftsgeldes - bezahlt werden. Eine Gemeindeschwester klagt gegen das nationalsozialistische Regime, als sie und vier Pfarrer 1934 suspendiert werden - mit Erfolg. Sie alle waren Frankfurterinnen.

Es sind erstaunliche und zum Teil wenig bekannte Geschichten über Frankfurterinnen, die Studenten der Viadrina in einem kulturwissenschaftlichem Seminar erforscht haben. Sie erzählen von Frauen, die in Frankfurt gewirkt und zu ihrer Zeit gänzlich Unübliches geschafft haben. Ein Semester lang haben die Studenten recherchiert, was nicht so einfach war. "Man merkt, dass die Geschichte von Frauen nicht so gut dokumentiert ist. Die Geschichtsschreibung ist sehr männlich geprägt", sagt Sarah Damus. Die Gleichstellungsbeauftragte der Viadrina hat mit dem Geschichtsprofessor Ulrich Knefelkamp und der Kulturmanagerin Maria Ullrich das Seminar geleitet. Als Ergebnis wird heute um 18 Uhr im Senatssaal der Band "Frauenorte" vorgestellt, in dem die Geschichten von 14 interessanten und einflussreichen Frauen vorgestellt werden. Außerdem ist bereits eine Stadtkarte entstanden, die einen Spaziergang durch die Stadt zu den Wirkungsstätten der Frauen vorschlägt. In der Tourist-Information gibt es das Material kostenlos.

Ein Ort, der der Studentin Gisela Fahlbusch auf diesem Spaziergang besonders wichtig geworden ist, ist das Gemeindehaus St. Georg am Karl-Ritter-Platz. Hier hat Luise Sartorius gelebt, die regimekritische Gemeindeschwester. Damit sie mehr über ihr Leben herausfindet, hat sich Gisela Fahlbusch in die Bestände des Evangelischen Zentralarchivs in Berlin vertieft. "Ich bin in die Zeit eingetaucht, um zu sehen, was da politisch in den Gemeinden los war", erzählt sie. Gisela Fahlbusch hat von der Gleichschaltung der Kirchen gelesen und davon, wie die Deutschen Christen auch die Frankfurter Gemeinden einnehmen und nationalsozialistische Ansätze im Gemeindeleben durchsetzen wollten. "In den vier Pfarreien gab es einen regelrechten Aufruhr. Man hat sich gewehrt", erzählt sie von ihren Erkenntnissen.

Als die Pfarrer suspendiert werden, wird Luise Sartorius aktiv. Scheinbar unerschrocken sammelt sie Unterschriften und schreibt an das Reichsinnenministerium. Als sie daraufhin gekündigt wird, zieht sie vor Gericht, um nicht nur gegen ihre Kündigung und die der Pfarrer zu klagen, sondern gleich gegen das zugrundeliegende Gesetz. Sie bekommt teilweise Recht und darf zurück in das Gemeindehaus. "Ich habe Briefe gefunden, in denen die NSDAP-Anwälte zugeben, dass Luise Sartorius Recht hat", berichtet die Studentin. Dennoch scheitert die Schwester mit ihrer Klage gegen die Strukturen. Dass es von der 1900 geborenen Schwester weder ein Bild gibt noch ihr Sterbedatum bekannt ist, spricht einmal mehr für die These der männlich geprägten Geschichtsschreibung.

Für Sarah Damus ist das Seminar und der entstandene Stadtspaziergang eine erfreuliche Abwechslung. "Ich habe jeden Tag mit dem Thema Gleichstellung zu tun. Obwohl es so relevant ist, wird es oft ins Lächerliche gezogen", berichtet sie. Umso schöner findet sie es, über die interessanten Persönlichkeiten ein Gespür dafür zu vermitteln, wie besonders die Ausnahmeerscheinungen in der Geschichte waren. Und es noch heute sind. "Immer noch sind nur zehn Prozent der deutschen Oberbürgermeister weiblich", gibt sie ein Beispiel.

Wegen der großen Nachfrage gibt es am Donnerstag, 15 Uhr, eine weitere Stadtführung zu den Frauenorten. Teilnahme nur nach Voranmeldung:anmeldung@frauenorte-ffo.de oder unter 0177 2462223.

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