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Urs Rechn: Deutscher Schauspieler in ungarischem Festivalfilm

Spielt oft „harte“ Figuren: der Schauspieler Urs Rechn
Spielt oft „harte“ Figuren: der Schauspieler Urs Rechn © Foto: Peter Manev
Thomas Klatt / 10.05.2015, 19:28 Uhr
Berlin (MOZ) Zum vereinbarten Termin kommt er mit dem Motorroller. Das gehe viel schneller -von Dahlem nach Berlin-Mitte, sagt er. Als er seinen Helm abnimmt, kommt ein Charakterkopf zum Vorschein. Ein Hauch von Bruce Willis vielleicht oder auch von Klaus Löwitsch, mit dem er einmal gearbeitet hat.

Am 15. Mai wird Urs Rechn als einziger deutscher Schauspieler mit Hauptrolle im Wettbewerb beim am Mittwoch beginnenden Filmfestival in Cannes zu sehen sein. "Son of Saul" heißt der Film, gedreht hat ihn der ungarische Regisseur László Nemes, er läuft als einziger Debütfilm im Wettbewerb. Zuvor hatte Nemes mehrere bemerkenswerte Kurzfilme vorgelegt. Deutschland ist in diesem Jahr nicht mit einem Film im Wettbewerb von Cannes vertreten.

Das Drama "Son of Saul" erzählt die Geschichte eines KZ-Häftlings in Auschwitz-Birkenau, der einer grausamen Arbeit nachgehen muss: Ihm wird die Aufgabe übertragen, die Leichen seiner getöteten Mithäftlinge zu verbrennen. Urs Rechn spielt in diesem Film eine der drei Hauptrollen: einen Oberkapo.

Gibt es nicht bereits genügend Filme zum Thema? Wer in der DDR aufgewachsen ist, hat zumindest "Nackt unter Wölfen" gesehen oder das gleichnamige Buch von Bruno Apitz gelesen. Auch dessen aktuelle Neuverfilmung ist sehenswert.

"Son of Saul" zeige nicht nur die Perspektive des Häftlings Saul, sondern auch die eines Kapo in einem KZ, sagt Rechn. Eingesetzt und ausgewählt von der Lager-SS, stand der Kapo zwischen Lagerleitung und Häftlingen. Meistens waren es selbst Häftlinge, die hofften, so der Todesmaschinerie zu entkommen. Der Oberkapo hatte, wenn nicht Macht, so doch Einfluss. Es kam darauf an, wie er diesen Einfluss nutzte - für oder gegen die Häftlinge. Ein perfides System, das die SS eingeführt hatte. Zumal auch die Kapos, zumindest wenn sie jüdischer Herkunft waren, ebenfalls ins Gas geschickt wurden.

Drei Monate dauerten die Dreharbeiten in Budapest. "Der Kameramann bevorzugte die Handkamera, was dem Film eine unglaubliche Nähe und Dichtheit gibt", so Rechn. Gedreht wurde nicht wie üblich digital, sondern auf 35 Millimeter.

In die Rolle musste sich Rechn schwer "einarbeiten". Diese Figur, dieses Zweischneidige, das Spiel zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Liebe und Zorn, es kostet Kraft, nicht nur physisch. "Gefunden" hat man Rechn für diese Rolle in einem Casting unter mehr als 500 Bewerbern. Schon im Film des Oscar-Preisträgers Pepe Danquart "Lauf Junge, lauf!", der in den Wirren des Zweiten Weltkriegs in Polen einen Jungen zeigt, der ein Zuhause sucht, spielt Rechn mit beklemmender Wirkung einen SS-Unteroffizier. Ist er festgelegt auf die brutalen Rollen, auf die "harten" Figuren? "Ein wenig schon", sagt Rechn. Es störe ihn wenig, zumal in "Son of Saul" der Oberkapo einen Weg der Erkenntnis geht, hin zur Hilfe und Empathie: Mit einer selbst gebauten Kamera will er den Massenmord heimlich aufnehmen, nach draußen schmuggeln und die Weltöffentlichkeit aufrütteln.

Geboren wurde Urs Rechn im Jahr 1978 in Halle. Wenig später zog er mit seinen Eltern nach Cottbus, wo sich sein Vater Günther Rechn - der heute weit über die Lausitz hinaus bekannte Maler - niederließ. Rechn junior studierte in Leipzig an der Hochschule für Musik und Theater, bald darauf spielte er im Staatsschauspiel Dresden. Es folgten Engagements am Landestheater Tübingen und Verpflichtungen an den Städtischen Bühnen Chemnitz. Er spielte den Orest, den Peachum, den Beckmann in "Draußen vor der Tür", den Adam im "Zerbrochenen Krug" und Yang Sun in Brechts "Guter Mensch von Sezuan". Alles große, anspruchsvolle Rollen. Viele Aufritte in Fernsehrollen wie Tatort und Polizeiruf 110, aber auch als Sprecher in Hörspielen folgten.

Dass die Premiere in Cannes von "Son of Saul" den großen Durchbruch bringt, glaubt er nicht. Aber nach anstrengenden Theaterjahren mit zehn bis zwölf Premieren im Jahr war zu wenig Zeit für die Filmarbeit. Das zumindest könnte sich jetzt ändern.

Nach dem Gespräch setzt Rechn den Helm auf, setzt sich auf den Roller und fährt nachhause durchs streikende Berlin. "Ich muss ins Grüne", sagt er. Und der Kater in der WG, in der er lebt, müsse auch raus. Vielleicht stimmt das Klischee doch ein wenig vom Typen mit der harten Schale und dem weichen Kern. Motorradhelme verbergen ja so manches.

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