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Heiliger Ort mit Nachtclub

Unter Kastanienbäumen: Auf dem ältesten Beerdigungsabschnitt des jüdischen Friedhofs in Slubice, der bis 1399 zurückreicht, wurden seit 2008 einige wiederentdeckte Grabsteine an ihren Originalpositionen aufgerichtet.
Unter Kastanienbäumen: Auf dem ältesten Beerdigungsabschnitt des jüdischen Friedhofs in Slubice, der bis 1399 zurückreicht, wurden seit 2008 einige wiederentdeckte Grabsteine an ihren Originalpositionen aufgerichtet. © Foto: Robert Iwanetz
Robert Iwanetz / 13.10.2015, 04:02 Uhr
Frankfurt (MOZ) Der alte jüdische Friedhof von Frankfurt, der sich heute in Slubice befindet, hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Noch vor 15 Jahren befand sich auf dem Gelände ein Bordell. Nun ist wieder Stille eingekehrt.

Viel ist nicht geblieben aus über 600 Jahren Geschichte. Efeu-Sträucher und Kastanienbäume dominieren heute das mit einem schweren Eisenzaun umgrenzte Areal. Dazwischen stehen ein paar einsame Grabsteine mit hebräischen Inschriften. Ein Tor für Besucher gibt es nicht. Und auch keine Informationstafel, die darauf hinweist, dass es sich hier um einen der ältesten jüdischen Begräbnisplätze in ganz Mitteleuropa handelt.

1399 wurde der jüdische Friedhof von Frankfurt das erste Mal urkundlich erwähnt. Damals hatte die Stadt gerade das heutige Dorf Kunowice gekauft. Wahrscheinlich existierte er aber schon 100 Jahre früher, da Juden bereits bei der Gründung der Stadt 1253 in der Region lebten. Heute befindet sich der Friedhof in Slubice, an der Gabelung der Landstraßen nach Rzepin und Krosno Odrazanskie.

Die Anlage liegt auf mehreren Hügeln verteilt, weit weg vom mittelalterlichen Stadtzentrum, die umgangssprachlich "Judenberge" genannt wurden. Der Ort wurde bewusst gewählt, da es die religiösen Vorschriften im Judentum nicht erlauben, Tote innerhalb der Stadtmauern zu begraben.

Über 2000 Menschen fanden hier bis 1945 auf drei Beerdigungsabschnitten ihre letzte Ruhe. Darunter auch der Rabbi Joseph Meir Theonim, der von 1727 bis 1792 lebte. Seine Werke kommentierten die jüdischen Speisegesetze und sind bis heute wesentlicher Bestandteil der Rabbinerausbildung. Noch immer pilgern orthodoxe Juden zu seinem Todestag an das neugestaltete Grab des Gelehrten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet der Friedhof jedoch in Vergessenheit und verwilderte. Der langjährige Friedhofsverwalter Otto Billerbeck bemerkte in der Zeit Diebstähle und Grabplünderungen.

1978 begann man mit dem Bau eines Hotelrestaurants. Dafür musste ein großer Teil des Friedhofs mit seinen Gebeinen abgetragen und planiert werden. Jahrhunderte alte Grabsteine wurden dabei abgebrochen, zerschlagen und auf einer naheliegenden Müllkippe entsorgt. Auch die historische Friedhofsmauer sowie die Ruine der neoromantischen Trauerhalle wurden zerstört. Noch heute sind Teile des Fundaments der ehemaligen Hotelanlage von der Straße aus zu sehen.

Um die Jahrtausendwende herum wurde das Gebäude sogar als Bordell genutzt. Bei einem Besuch eines Rabbiners, der mit dem damaligen Slubicer Bürgermeister Stanislaw Ciecierski über eine mögliche Rückgabe des Geländes sprechen wollte, wurde dies nicht nur bei jüdischen Gelehrten mit Fassungslosigkeit aufgenommen. Wegen dem Skandal um die Entweihung wurde der damalige polnische Ministerpräsident Leszek Miller bei einem Staatsbesuch in den USA auf die Vorgänge in Slubice angesprochen. Kurz darauf schloss der Nachtclub, der einige Jahre später abgerissen wurde.

Einer der wenigen Zeitzeugen, die den Friedhof noch vor seiner Zerstörung kennen, ist der Frankfurter Stadthistoriker Eckard Reiß. Das erste Mal war er 1965 auf dem zugewachsenen Begräbnisort und dokumentierte die Zustände nach dem Krieg mit seiner Kamera. "Ich war damals neugierig", erzählt der heute 74-Jährige. 2012 veröffentlichte er das Buch "Makom Tov - der gute Ort", das die Geschichte des Friedhofs aufarbeitet. Die Aufnahmen, die er damals schoss, sind heute fast die einzigen verbliebenen Bildquellen.

Mittlerweile befindet sich der Friedhof im Besitz der Warschauer Stiftung zum Schutz des jüdischen Erbes. 2004 fand die Einweihung des wiedererrichteten Grabs von Joseph Meir Theonim und zwei weiteren bedeutenden Rabbinern statt. Vier Jahre später wurden zudem einige historische Grabsteine wieder an ihren Originalplätzen aufgerichtet. Eine weitere Restaurierung ist nicht geplant. Für Beerdigungen wird das Gelände sowieso nicht mehr gebraucht. Frankfurt hat einen neuen jüdischen Friedhof im Südring. Der "gute Ort" ist weitergezogen.

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