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Aus Achtung vor dem Euter

Marco Marschall / 24.01.2016, 07:30 Uhr - Aktualisiert 29.01.2016, 16:49
Stolzenhagen (MOZ) Eine Kuh hat Bedürfnisse. Milch vom Euter für die Kälber, Freundschaften innerhalb der Herde und ausreichend Platz. Anja und Janusz Hradetzky achten ihre Tiere und glauben, dass sie Fleisch und Milch trotzdem verkaufen können.

Otti liegt zu Fleisch und Wurst verarbeitet in der Tiefkühltruhe. Kalb Oskar hopst noch vergnügt durch seinen Stall. Die Milchkühe stehen draußen und mampfen Heu. Auch sie kennt Anja Hradetzky alle mit Namen, weiß welche Kühe über die Zeit zu Freundinnen geworden sind und welche noch etwas abseits der Gruppe stehen. "Unser Fleisch ist nicht anonym", sagt die Jungbäuerin. Ihre Kunden würden das zu schätzen wissen. Und zwar so sehr, dass sie sogar schon Veganer vom Fleisch aus Stolzenhagen habe überzeugen können. Sie holt ein Stück Otti aus der Truhe. Das soll heute das Mittagessen der jungen Familie sein.

Vor etwas mehr als einem Jahr hatte die Suche von Anja (29) und Janusz Hradetzky (28) ein Ende. Beide haben an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde studiert. Bevor sie ins entlegene Dorf nahe der polnischen Grenze zogen, ging es zwei Jahre auf Reisen. Das Paar arbeitete zusammen auf verschiedenen Höfen, Anja außerdem sechs Monate auf einer Beef Cattle Ranch in Kanada. Eine prägende Station. Dort lernte sie, die Tiere allein mit Körpersprache zu treiben. Eine für die Kühe besonders stressarme Methode. Mit der Wanderschaft der beiden fügte sich langsam das Bild vom eigenen Betrieb.

Die erste Herde ist gewissermaßen durch Crowdfounding finanziert. "35 Menschen, die unsere Ideale teilen, haben das Geld für die Kühe bereitgestellt", erklärt Anja Hradetzky. Die Spender erhalten dafür Produktgutscheine. Zu den Idealen der beiden Jungbauern und Eltern eines zweijährigen Sohnes gehört die Einhaltung eines regionalen Kreislaufes. Tiere, Fleisch und Milch sollen nicht Tausende von Kilometern zurücklegen. Die Rinder werden in Stolzenhagen aufgezogen, in Lunow geschlachtet und in Berlin und Brandenburg vermarktet. So das Ziel. Eine weitere Besonderheit ist die sogenannte ammengebundene Aufzucht der Kälber. Vier Monate werden die Jungtiere von ihrer Kuh-Amme gesäugt. Milch direkt aus dem Euter - in den Genuss kommen Tiere in der normalen Viehzucht kaum. Schließlich lässt sich nicht abmessen, wie viel ein Kalb säuft, bis es satt ist. Das bedeutet weniger verkaufte Milch. Etwa ein Drittel.

Doch das Säugen sei wichtig, meint Anja Hradetzky. "Wie beim Menschen entsteht dadurch eine soziale Bindung und soziales Lernen", erklärt sie. Die Kälber laufen mit der Herde auf der Weide, lernen von den Muttertieren, wo sie später Gras und Wasser finden. Zehn der 35 Kühe sind Ammen. Sie versorgen die Jungtiere mit Milch. Jede Amme etwa vier Kälber im Jahr. Die anderen werden am Melkstand gemolken.  "Unsere Kühe sind stolze Mütter", sagt die Stolzenhagenerin. Diese Tatsache und natürlich der Ortsname  haben ihre Marke "Stolze Kuh" geprägt.

Mehrere Stallanlagen hatte sich das Paar angesehen, bevor es im Osten des Barnims fündig wurde. Auf dem gepachteten Areal wollen sie ihre Milch künftig selbst zu Käse verarbeiten und die Produkte in einem Hofladen verkaufen. Noch befinden sich Käserei und Laden im Aufbau. Rohmilch wird bereits jetzt direkt aus dem Milchtank verkauft. Wer früh genug zum Stall kommt und eine Flasche mitbringt, kann noch den einen oder anderen Liter ergattern. Im Laufe des Vormittags kommt ein Laster, der die Heumilch aus dem Tank pumpt und sie zur Gläsernen Molkerei nach Münchehofe in Märkisch-Oderland fährt, wo sie zu Käse verarbeitet wird.

Bis der eigene Laden fertig ist, könnte es noch einige Monate dauern. "Vielleicht noch in diesem Jahr", sagt Anja Hradetzky. Dann wird statt Otti womöglich ein anderes Rind in der  Tiefkühltruhe  liegen und Oskar gerade ordentlich im Futter stehen. Nach eineinhalb Jahren werden die Jungbullen geschlachtet.

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