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BVVG verkauft ohne Ausschreibung verpachtete Ackerfläche für Naturschutzzwecke / Gut Polßen fühlt sich übergangen

Plötzlich sind 60 Hektar weg

Alle wussten Bescheid, nur der Pächter nicht: Dietrich v. Wedel verliert 60 Hektar seiner Ackerfläche. Weil er kein Öko-Bauer ist, hat das Schreiadler-Projekt das Areal über die Nabu-Stiftung nun an Gut Kerkow geleitet.
Alle wussten Bescheid, nur der Pächter nicht: Dietrich v. Wedel verliert 60 Hektar seiner Ackerfläche. Weil er kein Öko-Bauer ist, hat das Schreiadler-Projekt das Areal über die Nabu-Stiftung nun an Gut Kerkow geleitet. © Foto: Oliver Schwers
Oliver Schwers / 11.02.2016, 06:15 Uhr
Polßen/Angermünde (MOZ) Klammheimlich hat die BVVG eine 60 Hektar große Pachtfläche des Gutes Polßen-Schmiedeberg ohne Ausschreibung verkauft. Auf Betreiben des Naturschutzes und mit Wissen des Ministeriums. Der langjährige Pächter Dietrich v. Wedel fühlt sich übergangen.

Auf einer alten Flurkarte zeigt Dietrich v. Wedel den Acker. Er liegt an einem Waldrand bei Polßen. Mittendrin der sogenannte Tangerberg - eine Grünlandfläche. Seit 25 Jahren hat Gut Polßen-Schmiedeberg das Stück bearbeitet. Jetzt ist es plötzlich weg. "Als ich wegen einer anderen Sache mit der BVVG gesprochen hatte, teilte die mir ganz nebenbei mit, dass der Acker verkauft wurde", empört sich v. Wedel. Ohne Ankündigung. Ohne Ausschreibung. Natürlich hätte das Gut mitgeboten, denn es braucht jeden Hektar Eigentumsfläche. "Die haben mich einfach ausgetrickst", schimpft der Landwirt.

Die BVVG wäscht ihre Hände in Unschuld. Der Verkauf sei auf Grundlage des Ausgleichsleistungsgesetzes zum Verkehrswert erfolgt. "Danach sind die Länder berechtigt, Naturschutzflächen zu erwerben oder eine Organisation oder Einrichtung zu benennen, an die die Naturschutzfläche gehen soll", so Stabsstellenleiterin Constanze Fiedler. Deshalb sei die Fläche auch nicht ausgeschrieben worden. Der Verkauf sei "in enger Abstimmung mit dem zuständigen Ministerium" geschehen.

Käufer war die Naturschutzbund-Stiftung Nationales Naturerbe. Die wiederum hat das umstrittene Areal sofort weiterveräußert. Und zwar an Gut Kerkow. "Es kann doch nicht wahr sein, dass hier mit öffentlichen Geldern ein privater Investor bevorzugt wird", schimpft Dietrich v. Wedel. "Ist das noch Wettbewerb?"

Das Ministerium bestätigt, an der Sache beteiligt gewesen zu sein. Hintergrund ist das Schreiadler-Projekt im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. "Zielsetzung des Erwerbs war die dauerhafte Sicherung einer für den Schreiadler günstigen Flächenbewirtschaftung", heißt es in einer Stellungnahme dazu. Der Naturschutzvorrang wurde im Grundbuch gesichert. "Durch die dingliche Sicherung bei der Weitergabe der Fläche an die Gut Kerkow Landwirtschaftsbetrieb KG konnte sowohl die weitere landwirtschaftliche Bewirtschaftung durch einen ökologisch wirtschaftenden Betrieb als auch die Notwendigkeiten für den Schutz des Schreiadlers gesichert werden."

Das empört Dietrich v. Wedel noch mehr. "Man hätte doch vorher auch mit mir über eine mögliche Bewirtschaftung im Sinne des Naturschutzes reden können." Doch das ist nicht geschehen. Für v. Wedel steht fest: Hier werden Öko-Betriebe vorgezogen. Dabei hat er selbst schon vor zwei Jahren über unabhängige Gutachter durchrechnen lassen, ob sein kompletter Agrarbetrieb auf Öko umstellbar wäre. Ergebnis: "Ich würde das gegenwärtig ökonomisch nicht schaffen. Aber es wäre eine Option."

Das hat man im Schreiadler-Projekt offenbar nicht gewusst. "Das ist uns durch die Lappen gegangen", gesteht die bisherige Projektleiterin und jetzige Biosphärenreservatschefin Ulrike Garbe. "Wir entschuldigen uns bei Herrn v. Wedel, dass wir vorher nicht mit ihm gesprochen haben, und nehmen die Sache zum Anlass, um sensibler mit Flächenverkäufen umzugehen. Ich kann den Ärger verstehen."

Die Projektverantwortlichen hatten unter erheblichem Zeitdruck gestanden. Da sie selbst die Finanzen für den inzwischen hohen Verkehrswert einer solchen Ackerfläche nicht stemmen konnten, suchten sie nach einem Investor. "Eigentlich wollten wir einen Junglandwirt begeistern", so Ulrike Garbes. "Aber die Zeit lief uns davon. Und wir wollten verhindern, dass uns ein Großinvestor die Fläche wegschnappt." So sprang erst die Nabu-Stiftung ein. Dann sei man auf Gut Kerkow gekommen.

Man könne aber sicher sein, dass alle Auflagen eingehalten werden. Das bestätigt auch Gut Kerkow. Ein Teil der Fläche werde als Grünland genutzt, ein weiterer Teil extensiv bewirtschaftet. Auch vom jetzigen Acker werde ein zusätzlicher Teil zu Grünland gemacht, so Betriebsleiter Rasmus Hartwig.

Das ist im Sinne des Schreiadlers. Der benötigt vor allem Kleegrasgebiete - die mäusereichste Bewirtschaftung für den seltenen Vogel. Zur Erweiterung seines Lebensraums will das von der EU geförderte gleichnamige Projekt gerade solche natürlich intakten Flächen vorhalten, wie sie am Warnitzer und Melzower Forst existieren.

Gut Kerkow ist per Grundbucheintragung verpflichtet, auch Heckenpflanzungen und sogenannte wasserbauliche Maßnahmen zu dulden. Zum Beispiel die Beseitigung von Entwässerungsrohren im Erdreich. Diese Sicherung bleibt auch bei einem eventuellem Weiterverkauf des Ackergeländes bestehen.

Unabhängig von den Eigentumsverhältnissen gilt zurzeit immer noch der Pachtvertrag mit Dietrich v. Wedel aus BVVG-Zeit. Er läuft demnächst aus. Die Verantwortlichen des Schreiadler-Projekts haben Gut Polßen inzwischen eine sogenannte Pachtablöse angeboten mit sehr guten Konditionen, falls er vorzeitig aus dem Vertrag aussteigen will. Der Landwirt hat jedoch noch keine Entscheidung getroffen. "Ich stelle mir auch die Frage, warum nicht in der Nähe befindliche Öko-Betriebe angefragt wurden", so Dietrich v. Wedel. "Dies wäre ja schon wegen der Fahrwege die ökologisch bessere Variante gewesen." Der Verlust der 60 Hektar tut ihm persönlich weh. Seine Vorfahren haben schon seit 1831 in Polßen Landwirtschaft betrieben.

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Wolfgang Schmitt 11.02.2016 - 12:15:03

Plötzlich sind 60 Hektar weg

Da gleichen sich doch wieder einmal die geschichtlichen Ereignisse, ob Flughafen BER oder BVVG, die Verantwortlichen nehmen ihre Aufgaben leicht und locker, es geht ja nicht um ihre eigene Existenz und Kosten. Als Projektleiterin des Biosphärenresevats fehlt Frau Garbe wohl (in diesem Fall) der erforderliche Überblick. Dieser Landwirt ist doch auch in der Lage, ökologisch zu wirtschaften, denke ich. Solche Landmanipulationen erinnern mich an den Zwang, in der ehem. DDR als Landwirt in die LPG zu gehen, mit Vieh und Flächen. Letztendlich wird also das Gut Kerkow mit Flächen aus NABU-Geld subventioniert, ist das alles rechtens ?

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