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Ältester Küstriner in Küstrin

Ehrung aus Kostrzyn: Ryszard Skalba, Direktor des Küstriner Festungsmuseums, ernannte Ende März seinen langjährigen Freund Karl-Heinz-Henschel zum "Freund des Museums".
Ehrung aus Kostrzyn: Ryszard Skalba, Direktor des Küstriner Festungsmuseums, ernannte Ende März seinen langjährigen Freund Karl-Heinz-Henschel zum "Freund des Museums". © Foto: Ulf Grieger
Ulf Grieger / 16.04.2016, 07:22 Uhr
Küstrin-Kietz (MOZ) Er sei der älteste noch in Küstrin lebende gebürtige Küstriner. Das sagt Karl-Heinz Henschel von sich. Vor 90 Jahren ist er in der Küstriner Neustadt, dem heutigen Kostrzyn, geboren. Sein Geburtshaus steht noch. Aber sonst hat sich in den neun Jahrezehnten alles verändert. Das spiegelt sich auch in der Biografie des Jubilars wider.

Als Karl-Heinz Henschel am 16. April 1926 in Küstrin das Licht der Welt erblickt, liegt eine sonnige, unbeschwerte Kindheit vor ihm. Der Vater ist Oberstellwerksmeister, gehört dem gehobenen Dienst an. Die Mutter ist, wie damals üblich, für die Familie da. Am liebsten ist der Heranwachsende im Kietzer Busch, wo der Bruder der Mutter eine Landwirtschaft hat. Die Mutter versorgt den alleinstehenden Mann und so ist Sohn Karl-Heinz oft dabei. Dort wächst seine Liebe zur Landwirtschaft. Er will Gutsinspektor werden. Die Familie zieht kurz vor Kriegsbeginn nach Küstrin-Kietz, an den westlichen Stadtausgang.

In das Häuschen, in dem Henschels noch heute wohnen. Von dort radelt er über die Oderbrücke zur Mittelschule. Noch ein Jahr kann er die Landwirtschaftslehre mitmachen, dann wird er, noch 16-jährig, im März 1943 gemustert.

Dass er am 1. September dann zu einer SS-Einheit einzogen wurde, habe er sich nicht aussuchen können, erzählt er. Von Freiwilligkeit, wie es dann auf den Formularen stand, konnte keine Rede sein. Er wurde in Nürnberg ausgebildet und kam zur 9. SS-Panzerdivision Hohenstaufen Frundsberg. In einem Nachrichtenregiment erlebte er die Kesselschlacht von Tarnopol in Galizien, dann die Westfront bei Caen und schließlich die vor allem durch den Richard-Attenborough-Film "A Bridge Too Far" bekannt gewordene Schlacht bei Arnheim. Dort wurde er als MG-Schütze verwundet. Ein Armdurchschuss und eine Steinsplitterverletzung brachte ihm einen Heimaturlaub ein. Im November 1944 sah er das alte , unzerstörte Küstrin ein letztes Mal. Dort herrschte noch ein normaler Alltag, erinnert er sich. Zu Kriegsende am 9./10. Mai kam Henschel in englische Kriegsgefangenschaft und konnte bereits am 1. September 1946 wieder nach Hause.

Die Schlacht um Küstrin bescherte dem Elternhaus lediglich einen Panzereinschuss im Dach und die Scheune war niedergebrannt. Russische Wachen hatten sich mit ihren Pferden einquartiert. Sie verhinderten, dass Familienangehörige, insbesondere Henschels Schwester, von anderen Rotarmisten vergewaltigt wurden.

Henschel arbeitete nach 1945 zunächst als Landwirt und ab 1954 als Sportlehrer an der Berufsschule Gorgast, zu der auch der Jugendwerkhof am Gut Schäferei gehörte. Bei einem Lehrgang 1955, seine Frau Elisabeth war gerade mit den Zwillingen schwanger, verhaftete ihn die Stasi und zwang ihn zur inoffiziellen Mitarbeit. Sie drohten während der Untersuchungshaft in Frankfurt damit, ihn beim sowjetischen Geheimdienst damit anzuschwärzen, dass er in einer SS-Einheit gekämpft hat. "Die Stasi war aber nicht sehr zufrieden mit meiner Mitarbeit. Das durfte ich in meiner Akte nachlesen. Viele haben auch über mich berichtet," erzählt der Jubilar. Viele Jahre hat er als Sportlehrer in Kietz und dann in Manschnow gearbeitet und war danach Heimerzieher an der Seelower Berufsschule. Rund 28 Jahre, bis 1989, hat Karl-Heinz Henschel ehrenamtlich in der Gemeindevertretung gewirkt.

Seiner Initiative ist der Bau der Trinkwasserleitung von Kostrzyn nach Kietz zu verdanken, die Straßenbeleuchtung und vieles mehr.

Nach der Wende hat er sich um die Beziehungen mit den polnischen Nachbarn verdient gemacht, wie ihm der Bürgermeister von Kostrzyn, Andrzej Kunt, und Museumsdirektor Ryszard Skalba bestätigen. Er half bei der Vermittlung der deutschen Sprache und beim Aufbau des Festungsmuseums. Zum heutigen 90. Geburtstag wird neben Wegbegleitern und Freunden auch die Familie mit den drei Enkeln und einem Urenkel gratulieren.

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