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Weg eines Obdachlosen zurück ins Leben: "Das Schlimmste war die Angst"

Der ehemalige Obdachlose Guido Brück
Der ehemalige Obdachlose Guido Brück © Foto: dpa
Maria Neuendorff / 29.03.2017, 19:44 Uhr
Berlin (MOZ) Am 1. April endet in Berlin die Kältehilfe. Tausende Obdachlose müssen sich dann wieder draußen einen Schlafplatz suchen. Auch Guido Brück hat jahrelang in einer Grünanlage mitten in der Stadt gelebt.

Ein grauer Schleier hat sich an diesem Morgen über den Tiergarten gelegt. An den Bäumen sprießen die ersten grünen Knospen. Von der Straße des 17. Juni hört man gedämpft die Autos rauschen. Guido Brück stapft zielstrebig über eine Wiese, die noch vom Laub des Winters bedeckt ist. Zwischen zwei kargen Büschen und einer Tanne macht er Halt. "Hier habe ich geschlafen", sagt Brück.

Die Jahre auf der Straße haben sich in Furchen in sein Gesicht gebrannt. Wie er obdachlos wurde, klingt typisch: Auf dem Bau als Hilfsarbeiter gearbeitet, zu viel Alkohol getrunken, Mietschulden. Irgendwann war der Job, dann die Frau weg. "Ich war einfach zu stolz, mir Hilfe zu suchen."

Der Platz, den sich Brück damals im Tiergarten suchte, ist einer der guten. "Hier kann man eine Stange über die Büsche legen und eine Zeltplane rüberhängen", erzählt der Mann mit dem schwarzen Hut und der dunklen Weste über der Jeansjacke. Die Feuchtigkeit kroch ihm in Regennächten trotzdem bis ins Markt. "Da kannst Du dir noch so viele Decken überwerfen." Wenn Brück morgens von Vogelgezwitscher geweckt wurde, waren seine Glieder oft steif von der Kälte. "Wenn ich noch einen Schluck in der Flasche hatte, konnte ich mich nach zehn Minuten wieder bewegen. Sonst dauerte es eine halbe Stunde." Danach galt es, den Tag herumzubekommen. Eine tägliche Wanderung von Suppenküche zu Suppenküche.

So wie Brück damals, geht es vielen Obdachlosen in Berlin. Ihre Zahl wird auf 6000 geschätzt und steigt jährlich an. Wenn im Frühling die Notübernachtungen der Kältehilfe schließen, geht der Kampf um die besten Plätze unter Brücken und in Parks los. Und er wird von Jahr zu Jahr härter. "Ich konnte mir damals in kalten Nächten noch einen Schlafplatz in Abrisshäusern suchen, die gibt es heute gar nicht mehr. Und falls doch, dann sind sie bewacht", erzählt Brück.

Doch das Campen ist auch auf öffentlichen Grünflächen verboten. Seit die wilden Lager im Tiergarten immer mehr zunehmen, lässt das Bezirksamt Mitte regelmäßig räumen. Auch heute rütteln zwei Mitarbeiter des Grünflächenamts ein junges Pärchen in einem Zelt nahe der Siegessäule wach. Dass die Beamten auf Touristen treffen, ist eher die Ausnahme. Oft verscheuchen sie obdachlose Osteuropäer, die keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben.

Müll und Gewalt haben in den vergangenen Jahren extrem zugenommen, klagen die beiden Männer. Oft müssten sie zurückgelassene, mit Fäkalien beschmutze Schlafsäcke einsammeln und in der Asservatenkammer einlagern. "Es tut einem schon leid, weil die Menschen oft nichts anderes mehr haben", gesteht einer. "Andere holen sich dagegen einfach in der Bahnhofsmission am Zoo einen neuen Schlafsack und sind eine Stunde später wieder hier." Dazu machten die Wohnungslosen Feuer in den Bodenmulden und grillten dort Schwäne und andere Wildtiere aus dem Park.

"Ich habe mir manchmal auch überlegt, eine Ente oder einen Hasen zu fangen", gesteht Brück. Einmal lag er drei Tage ohne Essen eingegraben in seinem Lager. Doch noch schlimmer als Hunger und Kälte sei die Angst gewesen. "Dieses ständige Knacken und Rascheln in der Nacht lässt dich nie richtig schlafen." An Spinnen, Käfer und Mäuse hatte sich Brück schnell gewöhnt. Die Gefahr kam von Menschen. Einmal zerrten ihn drei Männer aus dem schützenden Busch und verprügelten ihn - einfach so. Statt zum Arzt, schleppte sich Brück zum nächsten Teich, um sich das Blut vom Gesicht zu waschen. Dass ihm die dreckigen Kleider am mit Pusteln übersäten Körper klebten, juckte ihn da schon nicht mehr. Wie sehr er stank, merkte der Bettler nur, wenn ihm die Menschen auf dem Breitscheidplatz die Münzen mit extra langgestreckten Armen reichten.

Den Geruch der Straße nimmt er erst wieder wahr, seit er in der Kleiderkammer am Hauptbahnhof Klamotten verteilt. Mit Hilfe der Berliner Stadtmission hat er dort einen Job gefunden. Seit sieben Jahren wohnt Brück in einer kleinen Wohnung in Moabit. Doch bis dahin war es ein weiter Weg.

Nur durch viel Glück bekam er einen der 40 Plätze in einem Übergangswohnheim der Stadtmission. Ein Betreuer sorgt bis heute dafür, dass er pünktlich Miete zahlt. "Ohne diese Unterstützung geht es nicht", weiß Brück. "Irgendwann habe ich gesagt: Bitte helft mir. Ich möchte endlich wieder ein Mensch werden", erzählt der 60-Jährige, der zwei Schlaganfälle hinter sich hat und an einer Lungenkrankheit leidet.

Die Menschen, die nun zu ihm in die Kleiderkammer kommen, tun ihm leid. Denn die Chancen, wieder ins Leben zurückzufinden, werden mit der Wohnungsnot in Berlin von Jahr zu Jahr geringer. "Würde ich heute nochmal obdachlos werden, wäre der Tiergarten für mich wahrscheinlich die Endstation."

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