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Waldeigentümer und Forstleute im Grumsin müssen sich von Touristen beleidigen und beschimpfen lassen

Wut im Bauch

Ihre Geduld ist am Ende: Die Waldeigentümer Ulrike Sperb und Siegfried Praschma (r.) diskutieren mit Forstbetriebsunternehmer Udo Schellner über illegales Camping im Grumsiner Forst, über geflutete Privatflächen, verstellte Zufahrten und wild parkende Aut
Ihre Geduld ist am Ende: Die Waldeigentümer Ulrike Sperb und Siegfried Praschma (r.) diskutieren mit Forstbetriebsunternehmer Udo Schellner über illegales Camping im Grumsiner Forst, über geflutete Privatflächen, verstellte Zufahrten und wild parkende Aut © Foto: MOZ/Oliver Schwers
Oliver Schwers / 13.08.2017, 06:45 Uhr
Altkünkendorf/Ziethen (MOZ) Der Streit um das Welterbe Buchenwald Grumsin hört nicht auf. Während in Altkünkendorf Einwohner über Begleiterscheinungen des zunehmenden Tourismus klagen, beschweren sich Waldbesitzer über Vorfälle auf ihrem Eigentum. Forstarbeiter werden beleidigt.

Einst herrschte im Grumsiner Wald eine geradezu unheimliche Stille. Doch jetzt kommen die Touristen. Angelockt von den Verheißungen eines Weltnaturerbes ziehen sie an bestimmten Tagen gruppenweise durch die Natur. Auf der einen Seite des Weges befindet sich das Totalreservat - die Kernzone. Auf der anderen Seite liegen die Wirtschaftswälder der meist privaten Eigentümer. Die Besucher können den Unterschied nicht erkennen. Entzückt von uckermärkischer Einsamkeit erblicken sie eine große Maschine des Forstrückebetriebes, der gerade eine Buche fällt. Die Reaktion ist fast immer die gleiche: "Leute stellen sich direkt vor unsere Maschinen, zwingen uns zum Halten und beschimpfen die Arbeiter", berichtet Unternehmer Udo Schellner.

Er kennt sich hier aus wie kein zweiter, hat hier gelernt, Bäume gepflanzt, die jetzt Naturerbe sind, Wege angelegt. Heute betreut er die Wälder von vielen privaten Eigentümern. Was jetzt passiert, hätte er nie zu träumen gewagt. "Im Wald wird wild geparkt. Die Zufahrten an Einfahrtswegen sind zugestellt, sodass unsere Forstfahrzeuge nicht mehr durchkommen. Spricht man Pkw-Halter an, muss man sich Beleidigungen anhören. Die Touristen laufen im Wald herum, verlassen die Wege, lassen Hunde frei laufen. Es sind Motorräder und E-Bikes unterwegs. Es gibt Feuerstellen und wildes Camping an Seen." Doch es drohen sogar Gefahren: "Die Leute ignorieren unsere Sicherheitsabsperrungen und Warnschilder bei Baumfällungen, greifen uns verbal an."

Schellner hat Wut im Bauch. Seit Jahren läuft er Sturm, macht auf Probleme des wachsenden Tourismus aufmerksam, spricht mit der Biosphärenreservatsleitung. Doch umsonst. Inzwischen parken Reisebusse sogar vor seinem Betriebsgelände mitten in Altkünkendorf und versperren die Ausfahrt. "Die Leute denken, sie dürfen sich überall frei bewegen." Schellner macht den Touristen keine Vorwürfe. "Was hier fehlt, sind Hinweistafeln. Niemand wird belehrt. Niemand erkennt den Unterschied zwischen Kernzone und Wirtschaftswald."

Die neue Chefin des Reservats hat von den Schwierigkeiten längst erfahren. "Wir sind gerade dabei, für das gesamte Biosphärenreservat ein Tourismuskonzept aufzustellen", erklärt Ulrike Garbe. Man werde das bei öffentlichen Veranstaltungen in den Regionen erläutern. Das Welterbe Grumsin bekomme dabei einen besonderen Platz. "Hier muss einfach konzeptionell etwas geschehen", begründet Ulrike Garbe die Verantwortung ihrer Verwaltung. Zwei Jahre soll das Projekt dauern. "Und wir wollen die Besucher an die Hand nehmen." Sie verspricht eine bessere Beschilderung im Wald mit Erklärungstafeln zum Unterschied zwischen legaler Waldbewirtschaftung und der natürlichen Entwicklung in der Kernzone.

Doch auch bei den Waldeigentümern im Umfeld gärt es mächtig. Bei einer Rundfahrt zeigt Ulrike Sperb umgestürzte Bäume, die aus der Kernzone über die öffentlichen Waldweg einfach in ihren Wirtschaftswald gedonnert sind und dort junge Douglasien platt gemacht haben. "Das müssen wir uns jetzt einfach gefallen lassen", schimpft sie. Eigentümer Siegfried Praschma zeigt eine Stelle, an der uralte wertvolle Buchen unter Wasser stehen. "Durch das Anstauen von Wasser im Naturschutzgebiet gehen uns hier Flächen verloren. Oder es entstehen Inseln, auf die wir nieder raufkommen mit Maschinen." Und was passiert, wenn ein toter Baum einen Wanderer erschlägt?

"Die Leute sollen sich erfreuen an der Natur, das ist unser Ziel", sagt Ulrike Garbe. "Wir müssen alle gemeinsam miteinander reden, um Probleme aus dem Weg zu räumen." Nicht für alle Dinge sei jedoch das Reservat zuständig, zum Beispiel für die Wegeführung. Doch Ulrike Garbe versteht sich als Welterbe-Moderatorin und Mediatorin bei aufkeimenden Schwierigkeiten in und außerhalb der Kernzone.

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Hasso Isenhagen 14.08.2017 - 06:25:20

die Möglichkeiten der Waldbesitzer

gehören weiter eingeschränkt zu Gunsten des Gemeinwohls. Wald hat eine durch nichts zu ersetzende Erholungsfunktion für die Einwohner des ganzen Landes. Und mit steigender Mobilität wird das auch immer mehr genutzt weil das Leben in deinem Großstadtmoloch wie Berlin immer unerträglicher wird. Der Waldeigentümer aber will nur Geld verdienen mit den Flächen und sonst gar nichts. Dazu werden an anderer Stelle tausende alte Buchen gefällt und in Containern nach China verschickt. Die machen da Tisch- und Stuhlbeinen von und schicken die dann in die ganze Welt um ihre chinesischen Restaurant im Einheitslook auszustatten. Dafür ist der Wald einfach zu schade.

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