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Archiv bekommt Regiebücher vom Stadttheater aus den 30er-Jahren geschenkt

Ein Stück Bühnenhistorie

Wertvolles Mitbringsel: Hellmuth Henneberg (Mitte) übergibt Oberbürgermeister Martin Wilke und Karin Jünger vom Stadtarchiv die Regiebücher seines Großvaters.
Wertvolles Mitbringsel: Hellmuth Henneberg (Mitte) übergibt Oberbürgermeister Martin Wilke und Karin Jünger vom Stadtarchiv die Regiebücher seines Großvaters. © Foto: MOZ/Dietmar Horn
Frauke Adesiyan / 04.11.2011, 07:10 Uhr
Frankfurt (MOZ) Hellmuth Henneberg hat dem Stadtarchiv die Regiebücher seines Großvaters geschenkt. Richard Henneberg hatte von 1936 bis 1938 das Frankfurter Stadttheater mitgeprägt. Die Aufzeichnungen geben einen Einblick in die damalige Theaterwelt.

Fünf Schulheft-große Bücher lagen am Donnerstag auf dem Tisch des Oberbürgermeisters. Mit schlichten Deckeln und leicht vergilbtem Papier verbergen die Bände einen historischen Schatz, der nach vielen Jahrzehnten wieder an seinen Entstehungsort zurückkehrt. Es sind die Regiebücher von Richard Henneberg, der von 1936 bis 1938 Schauspieler, Regisseur und stellvertretender Intendant am Frankfurter Stadttheater war. Sie beinhalten neben eingeklebten Textseiten samt Streichungen und Besetzungslisten auch Bleistift-Notizen des Regisseurs. In Sütterlin hat Henneberg vermerkt, welche Botschaft er mit der Aufführung von „Der Zerbrochne Krug“ vermitteln wollte, welche Aufstellung die Schauspieler beim „Egmont“ nehmen sollten oder wie er sich die Bühne bei Oscar Wildes „Der ideale Gatte“ vorstellte.

„Wir bekommen damit zum ersten Mal originale Archivalien über das Theater vor 1945“, beschrieb Karin Jünger vom Stadtarchiv gestern die Bedeutung der Schenkung. Verantwortlich für die Rückkehr der Zeitzeugnisse ist Hellmuth Henneberg, Enkel des einstigen Frankfurter Theatermannes. Der Rundfunkjournalist aus Cottbus hat die Bücher in dem Nachlass seines Vaters entdeckt. Am Stadtwappen samt Hahn und Stadttor, das auf einigen Seiten zu sehen ist, hat er erkannt, dass die Bücher aus der Frankfurter Zeit seines Großvaters stammen müssen.

Nur wenig wusste Henneberg über seinen Opa, der 1959 – zwei Monate nach Hellmuth Hennebergs Geburt – gestorben ist. „Mein Vater war mit ihm zerstritten“, erklärt er die vielen offenen Fragen bezüglich seines Vorfahren. Im Nachlass wurden nun einige dieser Fragen beantwortet.

Schnell hat Henneberg nach der Sichtung der Hinterlassenschaften mit dem Frankfurter Stadtarchiv Kontakt aufgenommen. Die Bücher öffentlich zugänglich zu machen, ist ihm nicht zuletzt als Journalist ein Anliegen. „Ich weiß, wie wichtig es ist, Dinge dort zu finden, wo man sie vermutet. So etwas gehört ins Archiv.“

Für die Forschung sind solche Regiebücher aus dieser Zeit unersetzbar. Schließlich liefern sie im Gegensatz zu Presse-Rezensionen oder öffentlichen Publikationen des Theaters Details über die Art und Weise, wie ein Stück auf die Bühne kam. Fotos von den Inszenierungen existieren im Frankfurter Archiv keine. Das alte Stadttheater wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und mit ihm fast alle Zeitzeugnisse. Oberbürgermeister Martin Wilke (parteilos) zeigte sich gestern bei der Übergabe sehr erfreut über die Schenkung. „Eine Stadt braucht eine Identität und da leisten sie Großes“. Hellmuth Henneberg entgegnete bescheiden: „Ich bin ja nur der Bote“.

Für den Cottbuser war die Entdeckung der Arbeitsmaterialien seines Opas eine Begegnung mit seiner Familiengeschichte – und mit einer sensiblen Zeit. Umso beruhigter war er, festzustellen, dass sein Großvater in den Vorkriegsjahren weit davon entfernt war, Blut- und-Boden-Stücke auf die Frankfurter Bühne zu bringen. „Die Stückauswahl hat mich in dem Bild bestätigt, dass mein Großvater proletarisch-sozialistisch gesinnt war“, sagte Henneberg. Hans-Jürgen Rehfeld vom Kleist-Museum bestätigte ihm in diesem Eindruck. Er berichtete, dass zwar die Heinrich von Kleist Gesellschaft mit Sitz in Frankfurt Fahnenträger des Nationalsozialismus gewesen sei, das Theater aber immer eine liberale Haltung behalten habe.

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