Wer die Flügeltür öffnet, wird von der eigenen Fantasie beflügelt. Man sieht den Kartenverkäufer hinter dem Schalterfenster, man hört den Schankwirt mit seinen Gläsern in der Gaststätte scheppern. Man sieht Männer mit Zylindern und Frauen in Reifröcken, die mit Hutschachteln und Schrankkoffern auf den Bahnsteig hasten. Man sieht die Droschke vor der Treppe halten und den Bahnhofsvorsteher in Reichsbahnuniform.
All das hat sich im Bahnhof Wilmersdorf zugetragen. Das stolze backsteingelbe Empfangsgebäude steht an der Bahnstrecke Angermünde-Stralsund, die in diesem Jahr ihren 150. Geburtstag feiert. Am 1. November 1963 fuhr der erste durchgehende Zug von Berlin bis an die Küste. Ein denkwürdiges Ereignis. Schnell wurde der außerhalb des Dorfes gelegene Bahnhof zum Umschlagspunkt für landwirtschaftliche Güter in großen Mengen.
Heute werden keine Rüben mehr verladen. Die Güterzüge nach Stralsund brausen am Bahnsteig vorbei. Doch die roten Doppelstockwagen des RE 3 halten immer noch an dem fast schon vergessen geglaubten Haltepunkt, dem schon ein gleiches Schicksal wie Greiffenberg bevorstand. Nur durch energisches Einschreiten einiger Bahnverfechter aus der Region blieb Wilmersdorf nach der Wende am Netz. Reisende und vor allem Berlinpendler können im Bahnhofsgebäude aber schon lange keine Fahrkarten mehr kaufen. Am Haus sind jegliche Modernisierungen ausgeblieben. Es regnet durchs Dach.
Inge Mahn hat einen Eimer aufgestellt. Die pensionierte Kunstprofessorin aus Groß Fredenwalde ist neue Bahnhofsvorsteherin. Gemeinsam mit der Filmemacherin Lola Randl und deren Partner Philipp Pfeiffer aus Gerswalde startet sie ausgerechnet im 150. Jahr seiner Gründung die neue Ära dieses Denkmals der Verkehrsgeschichte. Als die drei voller Entsetzen von der Versteigerung des Bahnhofs hörten, fuhren sie gemeinsam zur Auktion nach Berlin und kauften kurzerhand das zweigeschossige Gebäude. Jetzt schippen sie Schutt hinaus, kehren Müll zusammen, reparieren Toilettenabflüsse. Es muffelt ein wenig. Doch die Öfen funktionieren, die Fenster sind heil. An den Türen klebt immer noch die Ursprungsfarbe.
"Wir wollen, dass die Einwohner das Gefühl haben, dass das jetzt uns aller Bahnhof ist", sagt Inge Mahn. Es herrscht Aufbruchstimmung hinter den Mauern des 19. Jahrhunderts. Ein Bistro soll entstehen. Vielleicht ein Tanzsaal für Veranstaltungen. Auch Wohnungen bleiben zur Vermietung. Die neuen Eigentümer denken an einen Fahrradverleih, denn der Fernradweg Berlin-Usedom liegt fast in Sichtweite. Das erste Konzert ist gebucht. Klassik auf der Bahnhofsdiele. Die hohen Räume lassen Ideen entstehen für Kunstausstellungen. 19 Künstler - meist frühere Schüler der Professorin - sind zur Eröffnungs- und Geburtstagsparty am Sonnabend eingeladen. Die Feier mit alternativen Bläserklängen der Anarchistischen Musikwirtschaft orientiert sich an den vorbeifahrenden Zügen und beginnt mit der Ankunft des RE 3 um 17.42 Uhr. Bei so viel Enthusiasmus müsste der Bahnchef eigentlich auf die Knie fallen. Und weil der letzte Zug nach Berlin schon 22.16 Uhr abgepfiffen wird, geht die Sause in der Bahnhofswirtschaft gleich weiter bis zum Frühzug um 5.13 Uhr.
Vor den neuen Bahnhofswächtern liegt viel Arbeit. Ihr Bürgerengagement zur Rettung des Denkmals benötigt nicht nur Muskelkraft, sondern auch finanziellen Atem. Das Dach muss gemacht werden. Dringende Sanierungsarbeiten stehen bevor. Doch die Drei vom Bahnhof haben schon in der Vergangenheit Pioniergeist bewiesen, an der Schlossgärtnerei Gerswalde oder dem Bürgermuseum in Groß Fredenwalde. Und vielleicht gelingt es ihnen sogar, ein Stück Geschichte zu bewahren. Ein früherer Eisenbahner hat sich zur Eröffnung angekündigt.