Für Besonderheiten ist die Uckermark immer gut. Jetzt kommt noch eine ganz verrückte Idee hinzu: In Stegelitz wollen zwei junge Leute eigenes Bier brauen. Aber nicht in einer Brauerei, sondern in einer alten Bäckerei. Dort entstehen Sorten wie IndyFresse oder Heubräu.
Es sollte kein ausgefallenes Bier sein, sondern eins, was so richtig läuft. Guter Trinkfluss, sagt der Kenner dazu. Und so hat Johannes (Joe) Petraschek sein „IndyFresse“ als einprägsame Punk-Attitüde in der heimischen Küche geschaffen. „Willkommen in der Wortspielhölle“, sagt seine Partnerin Sarah Raimann. Beide übertreffen sich gegenseitig im Erfinden gängiger Namen für ihre neuen Biersorten. „Power of Ruth“ (mit Löwenzahn-Wurzel und Ingwer) ist ein Denkmal an eine rührige Nachbarin. „Heubräu“ gibt schon auf dem Etikett die Herkunft bekannt: Ein Bier vom Dorf.
Die angehenden Brauer versprechen: Es soll keine Geschmacksexplosionen geben, sondern gutes regionales Bier für die Leute von hier. Dennoch wollen die experimentierfreudigen Gründer auch mit Neuentdeckungen und Spezialitäten neugierig machen. „Das erste hat etwas merkwürdig geschmeckt“, gesteht Joe Petraschek. Doch weitere Verkostungen gestandener Biertrinker und die Reaktionen nach dem Auftauchen von durstigen Feuerwehrleuten auf dem Hof lassen die Idee nun weiter reifen.
Schon seit dreieinhalb Jahren setzen Joe und Sarah ihre Biere als reine Liebhaberei in der Küche eines Stegelitzer Bauernhauses an. Sarah kaufte es 2013 gemeinsam mit ihren Eltern, um hier zu leben. Die leerstehende Bäckerei gab es dazu. Die frühere Eventmanagerin und studierte Ökolandbäuerin wollte sich in der Uckermark selbstständig machen, einen Betrieb gründen, etwas Eigenes verarbeiten. Dann kam Johannes auf die Idee: Er betreibt die legendäre Kneipe „Haltestelle“ in Eberswalde und hatte den Wunsch, eigenes Bier auszuschenken. Seitdem brodelt es in der Stegelitzer Küche. Mit der Hand schroten sie gemälztes Getreide, setzen Maische an, kochen Würze. Die Ergebnisse ihrer Experimente stehen in Sudberichten, sodass jeder Versuch mühelos wiederholt werden kann.
Das spricht sich herum. Für rund 100 Hektoliter pro Jahr sehen die Hobby-Brauer derzeit Nachfrage. Gastronomen der Gegend sind schon scharf darauf. „Eigentlich ist unser Traum, dass es so wie früher wird“, sagt Sarah Raimann. „Die Leute kommen mit ihrem Krug zu uns und holen sich für den Feierabend ihr Frischbier.“ Wer mehr will, erhält eine größere Abpackung mit Zapfanlage zum Ausleihen.
Die beiden Gründer wagen jetzt den entscheidenden Schritt. Es muss eine größere Brauanlage samt Verkostungsraum her. Eine Bäckerei, die braut. Und schon ist der Namen gefunden: „Die braut“ – so soll der Markenname lauten, wieder so eine Wortspielerei. Noch steht der alte Backofen drin, der sogar noch funktioniert. Aber für den dörflichen Wandel vom Brot zum Bier sind rund 80 000 Euro notwendig. In diesen Tagen startet dafür eine Crowdfunding-Kampagne. Jeder, der die Idee eines neuen uckermärkischen Regionalbieres gut findet, kann via Internet oder persönlich unterstützen. In 37 Tagen sollen so mindestens 22 000 Euro zusammenkommen.
Die beiden Jungunternehmer appellieren an das Gewissen der Leute: Wer Bier liebt, das nicht aus dem Supermarkt stammt, wer den Öko-Anbau von Braugerste fördert, wer alte Handwerkstraditionen nicht aussterben lassen will oder einfach nur den Umbau einer leeren Bäckerei unterstützt, kann mitmachen. Wer weiß, vielleicht sieht ein Stifter dann sogar seinen Namen auf einem Etikett verewigt. Den Wortspielern in Stegelitz wird schon etwas einfallen.
www.dorfbrauerei-stegelitz.de