Ein leichtes Zittern geht durchs Haus. Dann donnert ein Schwerlaster am Fenster vorüber. Wenige Sekunden später ein Bus, dann wieder ein Lkw. Steinchen fliegen gegen die vom Straßenschmutz völlig verdreckte Scheibe. „Meine Frau weigert sich, weiter die Fenster zu putzen“, schimpft Walter Stauch. Sein Haus befindet sich direkt an der Dorfstraße von Fredersdorf. Doch seit 23. November glaubt er, an der Autobahn zu leben. Der gesamte Verkehr zwischen Schwedt und dem Autobahnkreuz Uckermark knattert durch den beschaulichen Ort.
Schuld daran ist eine unangekündigte Vollsperrung der Bundesstraße 166 zwischen Passow und Zichow (MOZ berichtete). Weil der Landesbetrieb Straßenwesen die Fahrbahn abfräsen und erneuern lässt, müssen Lastwagen und Pkw die Umleitung über Zichow, Fredersdorf, Golm und Briest nutzen. „Ein Chaos“, schimpft Anwohner Walter Stauch. „Die Laster sind viel zu schnell. Sie demolieren die ganze Fahrbahn. Wer sein Auto ordnungsgemäß am Fahrbahnrand parkt, erntet dafür ein wildes Hupkonzert.“
Dabei hätte die Umleitung überhaupt nicht über Fredersdorf geführt werden dürfen. Denn als Ausweichstrecken muss das Land vordergründig auf eigene oder Kreisstraßen zurückgreifen. Doch seit Herbst ist die Verbindung zwischen Zichow und Fredersdorf samt Ortsdurchfahrt keine Kreisstraße mehr. Nach jahrelanger Klage musste die Gemeinde Zichow die Strecke verärgert in ihr Eigentum übernehmen. Der Landkreis hatte sie einfach abgestuft. Begründung: Sie verbindet nur zwei Ortsteile.
Jetzt zeigt sich, dass die Fredersdorfer mit ihren Argumenten recht hatten. Sie hatten immer wieder auf den hohen Anteil an Durchgangsverkehr aufmerksam gemacht. Ohne Erfolg. Fazit: Die Bürger müssen jetzt nicht nur mit dem Umleitungsstress leben, sondern auch noch mögliche Straßenschäden bezahlen. Denn bei Gemeindestraßen ist der Anliegerbeitrag am höchsten.
Die ersten Auswirkungen machen sich direkt vor der Tür von Walter Stauch bemerkbar. Durch jahrelange Vernachlässigung der früheren Kreisstraße hatten sich am Ortseingang tiefe Fahrspuren gebildet. Mit einer Hau-Ruck-Aktion wurden sie nach Anwohnerbeschwerden durch die Kreisstraßenmeisterei im Herbst beseitigt. Doch das Verfahren half nicht. Stattdessen verschlechterte das Flickwerk den Zustand der Fahrbahn. „Im Sommer blieb ein Schlempe-Transporter aus Schwedt direkt vor meiner Tür für einige Minuten stehen“, berichtet Walter Stauch. „Da hat sich das Reifenprofil sofort in die Straße eingedrückt.“ Davon gibt es Fotos.
Im zuständigen Amt Gramzow ist man völlig verwundert über das Vorgehen des Landesbetriebs. Normalerweise hätte das Ordnungsamt vorher von einer Umleitung informiert werden müssen. „Wir sind aber nicht beteiligt worden“, so Amtsleiterin Kornelia Heimann. „Als wir von der Sperrung erfuhren, haben wir uns sofort mit dem Landesbetrieb in Verbindung gesetzt und eine Umleitung über dessen Straßen gefordert. Das wurde auch bestätigt, jedoch nicht eingehalten.“ Stattdessen sollte die Umleitung offenbar nur bis 3. Dezember dauern. Aber davon geht angesichts der Witterungsverhältnisse niemand mehr aus. „Wir versuchen jetzt, wenigstens den Lkw-Verkehr aus den Dörfern heraus zu halten“, so Kornelia Heimann. Sie verlangt vom Landesbetrieb entweder eine neue Umleitungsstrecke über die Bundesstraße 198 bei Polßen oder eine Tonnagebegrenzung der jetzigen Umleitung auf 7,5 Tonnen. Die Schilder darf allerdings nur der Landesbetrieb aufstellen lassen.
Der wiederum spricht von einer Überschneidung der Informationen. Bevor die Kreisstraße durch Fredersdorf zur Gemeindestraße wurde, lagen die Pläne zur Fahrbahnsanierung der B 166 bereits in der Schublade. Die Bauarbeiten sollten schon im Sommer ausgeführt werden. Doch die Haushaltssperre des Landes machte einen Strich durch die Rechnung. Als jetzt die Gelder frei gegeben wurden, beeilte sich der Landesbetrieb mit den Ausschreibungen. Eigentlich sollte am Dienstag dieser Woche der Asphalt kommen. Aber was kam, war der Frost. Nun ist guter Rat teuer.
„Trotzdem kann jeder eine öffentliche Straße benutzen, solange sie nicht gesperrt ist“, sagt Hans-Jürgen Otte vom Landesbetrieb Straßenwesen zu den Umleitungsvorwürfen. Normalerweise suche man sich tatsächlich Kreis- und Landesstraßen als Ersatz aus, doch in diesem Falle habe man wohl von der Abstufung der Kreisstraße zu spät erfahren.
Der Landkreis Uckermark wäscht seine Hände in Unschuld. Die Verwaltung informierte den Landesbetrieb am 5. November über den rechtskräftigen Ausgang des Gerichtsverfahrens.
Am Mittwochabend entschied der Landesbetrieb nun, alle Lastwagen weiträumiger über Landes- und Bundesstraßen umzuleiten. Eine entsprechende Beschilderung werde sofort vorgenommen, so Hans-Jürgen Otte.