Nach dem Abitur zog es mich wegen meines Studiums nach Berlin. Ich hatte nur noch etwas mehr als einen Monat, um eine Wohnung in Berlin zu finden. Ich würde in so einer großen Stadt ja wohl eine Unterkunft finden! Zunächst orientierte ich mich am Umfeld meiner Hochschule, die in Mitte liegt. Natürlich ist Mitte ein teures Pflaster, also fasste ich die Umgebung mit Wedding, Prenzlauer Berg, Tiergarten und Charlottenburg ins Auge. Auf der Internet-Seite wg-gesucht.de, schrieb ich so viele Wohngemeinschaften wie möglich an, auch auf Englisch. Ich bekam fast keine Antwort. Es war zum Verzweifeln.
Als ich endlich per E-Mail von einer mehrsprachigen Achter-WG eingeladen wurde, fuhr ich zur Wohnungsbesichtigung nach Berlin. Als ich den langen Flur betrat, wurde meine Befürchtung bestätigt: Sie hatten eine Rundmail an alle Bewerber geschickt. Es wurde Bier getrunken, sie lichteten jeden Bewerber ab und schrieben ein paar Notizen auf. Mit etwas Glück und ein, zwei Bierchen würden sie sich am nächsten Tag nicht mehr an mich erinnern. Wenn man zwischen Spaniern, Norwegern und Iren auf der Couch sitzt, die schon in der ganzen Welt studiert haben oder gereist sind, hat man als Erstie keine Chance. Also versuchte ich, mir trotzdem einen schönen Abend zu machen, trank schwarzen Tee mit dem Iren und versuchte meine Englischkenntnisse anzuwenden. Nebenbei stellte ich mich den Bewohnern der WG vor und begutachtete das Zimmer. Nichts Besonderes: ein Schrank, ein Fenster, ein Tisch, ein Bett. In der Hauptstadt echter Luxus!
Ich gab Gesuche im Internet auf, fragte Freunde und schrieb einer Verwandten, die Wohnungen in Berlin vermietet. Schließlich besuchte ich die erste Wohnung: vier Stockwerke plus, zwei Zimmer, ein Mini-Balkon, Prenzlauer Berg, 620 Euro, komplett renovierungsbedürftig.
Schließlich fuhr ich mit einem Makler-Azubi durch die Stadt. Die nächsten Wohnungen nahmen sich nicht viel. Große Entfernungen, teuer, Fußboden und Tapeten hätten erneuert werden müssen. Nein, danke! Weitere Wohnungen in noch miserableren Zuständen folgten und eine kleine Wohnung, aus der die Bewohnerin, eine Studentin, wegen zu hoher Miete bald ausziehen würde. Als ich zur Besichtigung kam, zählte ich 20 Bewerber vor der Tür. Mein Vater, der bei der ersten Wohnungsbesichtigung dabei war, sprach aus Verzweiflung irgendwann eine junge Frau auf der Straße an, ob sie nicht jemanden kenne, der Wohnungen anbiete. Die Antwort lautete, sie sei selber auf der Suche.
Im Studentenwohnheim wäre erst in fünf Monaten ein Platz frei geworden. Schließlich besichtigte ich eine Wohnung, die einfach perfekt war: frisch renoviert, hell, Blick in den Park, Herd und in 30 Minuten war die Hochschule erreicht. Die große Enttäuschung folgte, als die Dame im Büro mir versicherte, dass sie keine Studenten-WG wünschen. Der Traum war zerplatzt, ich beschloss zu pendeln: fünf Uhr aufstehen, sieben Uhr Zugabfahrt am Bahnhof in Frankfurt und neun Uhr Seminarbeginn in Berlin.
Doch plötzlich ging alles sehr schnell: ich bekam am Mittwoch eine Mail, dass eine Zweier-WG eine Mitbewohnerin suche. Freitag besichtigte ich das Haus, Sonnabend unterschrieb ich den Vertrag und Sonntag kaufte ich Möbel und zog ein. Nun wohne ich 50 Minuten Wegezeit von der Hochschule entfernt. Meine Vermieterin wohnt mit ihrer Tochter Parterre, und wir treffen uns abends manchmal zum Abendessen.
Kissen und Blumentopf dabei: Kaum ist ein Zimmer gefunden, folgt die Frage: Was braucht man eigentlich in der ersten eigenen Wohnung?Foto: Ann-Christin Korsing
Mietwucher, Mitbewohner-Casting und lange Wege / Auf dem Weg zur Studenten-Wohnung in Berlin