Da die Japaner seit jeher betonen, dass ihr Hauptaugenmerk auf der virtuellen Umsetzung des beliebten Kicks liegt, sollten auch all jene, die zu PES greifen, daran interessiert sein. Die stören dann weder die altbackenen Menüs noch die ewigen Schrifttafeln, wer, was und wann alles gepatched wurde. Und so wird der geneigte Fan feststellen, dass man erneut an der Spielgeschwindigkeit geschraubt hat. Nicht mehr ganz so flott geht’s übers Grün, was größere spielerische und taktische Möglichkeiten zulässt. Da weder hohen Flanken noch Schüsse aus der zweiten Reihe nur ansatzweise Erfolge zeitigen, wird der schnellen Ballfolge große Bedeutung zugeschrieben. Und das wiederum setzt schon fast zwingend voraus, dass der Mensch am Pad mindestens einige der ausufernd vielen speziellen Steuerungs- und Trickvarianten beherrscht, für die PES so berühmt wie auch berüchtigt ist. Hinzu kommt, dass die CPU-Gegner robust bis rabiat zu Werke gehen und chancenlos bleibt, wer im Vorwärtsgang den Pixel-Kickern zu nahe kommt. Andersherum kann man zwar seine NPC-Aktiven per Tasteingabe auffordern, gegen den Ballführenden zu pressen, doch wirklich eingreifen tun die Jungs erst, wenn Mensch wieder die Steuerung übernimmt. Bis dahin lässt man gern mal den Ball passieren oder geht gar vom Gegner weg. Das ist teils zum Haare raufen. Und dass Konami die einzig wirksame Waffe der Verteidigung, das Stören, auf den gleichen Knopf wie das neue taktische Foul gelegt hat, führt uns zu Mats Hummels zurück. Wer nämlich, im Eifer des Gefechts oder weil der erste Versuch nicht so erfolgreich war, ein zweites Mal "stören" drückt, begeht ein gelbwürdiges Foul. Die kartenwütigen Schiris nehmen die Vorlage dankend an und bestrafen so im Mittelfeld auch Stürmer für Allerweltsaktionen gern schon mal mit Rot. Kurzum, die erhöhte Schwierigkeit, vorn einen reinzubekommen oder dies hinten zu verhindern, macht gerade Einsteigern das Leben nicht leicht und sorgt für so manchen Frustmoment.
Andererseits muss man festhalten, dass die Ballphysik und auch die der Kicker auf dem Platz ungemein realistisch daherkommt. Die größte Spielfreude dürfte sich entwickeln, wenn man gegen Gegner vor dem eigenen Fernseher antritt, was auch im Koop-Modus möglich ist. Das allerdings widerspricht natürlich ein wenig dem Anspruch, echten e-sport betreiben zu wollen. Doch in Sachen Online-Matches hat sich wenig getan. Hier verharrt der Titel im Prinzip auf dem Niveau des Vorgänger, wenngleich "Matchday" hinzugekommen ist. Und auch MyClub bietet nicht wirklich neue Ansätze. Die vielen möglichen Handlungsstränge gaukeln mehr Einsatzgebiete vor, als sich wirklich auf das Geschehen auswirken.
Großes Lob gebührt den Entwicklern bei der rein technischen Umsetzung. Die Animationen sind immer rund, nichts ruckelt oder wackelt oder lädt später nach. Jene Kicker, die im Lizenzpaket enthalten sind, kann man schon aus der neuen Stadion-Perspektive an den Bewegungen erkennen. Die Ähnlichkeiten mit lebenden Vorbildern sind verblüffend. Stadien, Licht und Schatten wie auch Effekte sind vom feinsten. Kurzum, grafisch ist zumindest in der Spielansicht alles bestens. Beim Ton stimmt das nicht immer. Denn das Kommentatoren-Duo ist mitunter nicht zu verstehen. Das mag manche nicht stören, die ohnehin den begrenzten Wortschaft der beiden bemängeln.
So fällt das Fazit ähnlich dem der vergangenen Jahre aus. eFootball PES 2020 bleibt ein harter Konkurrent für FIFA 20 und kann sich in Sachen Spielauthentizität vor dem Mitbewerber platzieren. Das gilt insoweit, als dass der Gamer auf absolut originäre Umsetzung des Originals setzt. All jene, die gern einen spielerischen Aspekte mit berücksichtigt sehen wollen, könnten vor allem in der Einspielzeit harten Herausforderungen gegenüber stehen. Und auch, wenn mit den vier neuen Top-Clubs weitere Lizenzen bei den Japanern festgemacht werden konnten, wer Stadionatmosphäre wie in der Wirklichkeit sucht, wird eher selten fündig.
eFootball PES 2020; Konami für PS4; XBoxOne, PC
www.konami.com/wepes/2020/eu/de