Die deutsch-polnischen Verhandlungen über den Ausbau der Eisenbahnlinie Angermünde-Stettin sind so festgefahren wie nie zuvor. Die einst wichtige Strecke droht angesichts anhaltender Streitereien vollkommen in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.
Am schlimmsten sind die Bahnhöfe. Wer Weltuntergangsstimmung liebt oder Ruinenromantik, der muss sich mit dem Fotoapparat bewaffnen und die Bahnstrecke zwischen Passow und Stettin fotografieren. Vernagelte Fenster, bröckelnder Putz, maßlose Tristesse. Wo vor fast 170 Jahren schier unbegrenzte Aufbruchstimmung im Industrialisierungszeitalter herrschte, gähnen heute leere Bahnanlagen und Empfangsgebäude, verlassene Güterhöfe und rostende Gleise.
Doch auch der Fahrkomfort erinnert an die letzte Hinterwaldbahn. Dabei handelt es sich hier um die einzige Eisenbahnverbindung zwischen den beiden Metropolen Berlin und Stettin. Die Regionalbahn muss auf dem Angermünder Bahnhof nach dem Zwangsumstieg erstmal gefunden werden. Dann zuckelt der rote Schienenbus bis Passow. Das nahezu verlassene stolze Haus rührt Historiker zu Tränen. Dort scheint die Eisenbahnwelt zu Ende. Denn ab Passow ist die Strecke bis Stettin nur noch eingleisig und ohne elektrische Oberleitung.
In Schönow beleidigt ein verkommenes Gebäude das Auge der Reisenden. In Casekow verschandelt der einst stolze Bau inzwischen das gesamte Ortsbild. Mit dem Auszug des letzten Eisenbahners scheint sich niemand mehr um das riesige Objekt und das Umfeld zu kümmern. Lediglich in Tantow konnte mit dem Umbau der Bahnsteige ein brauchbares Bild aufrecht erhalten werden.
Der Zustand der eigentlichen Strecke erinnert nicht mehr an die Zeit, als D-Züge in atemberaubender Geschwindigkeit zwischen der deutschen Hauptstadt und der Ostseemetropole verkehrten. Stattdessen hoppeln Hasen, Rehe und anderes Getier auf dem kaum befahrenen Damm. Vor Passow wackelt sogar der Untergrund.
Die Zustände werden seit Jahren von Lokalpolitikern, Bahnfahrern und betroffenen Anwohnern kritisiert. Regelmäßig ohne Erfolg. Stattdessen warten alle auf einen deutsch-polnischen Vertrag zum zweigleisigen Ausbau mit Elektrifizierung. Doch auch der jüngste Termin im Juni scheiterte, weil sich Deutsche und Polen nicht auf einen Zeitpunkt einigen konnten.
Der Kreistag, Amtsverwaltungen, Gemeindevertretungen und auch die Stadt Angermünde unterzeichnen Resolutionen. Erst jüngst gab es eine Demonstration am Angermünder Bahnhof. DB Netz will gerne bauen, kann aber nicht. Der Fahrgastverband ProBahn schimpft über andere Prioritäten des Verkehrsministers. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Koeppen will einen Ausgleich für den ländlichen Raum. Die SPD-Fraktion im Bundestag und die Abgeordnete der Linken Sabine Stüber verlangen einen schnellen Baubeginn.
Am Ende passiert nichts. Nur die äußerst billigen, auf der Autobahn verkehrenden Sammeltaxen - vier Euro für eine Fahrt von Stettin zum Berliner Flughafen - haben Konjunktur. Auch Schwarztaxen mit verdunkelten Scheiben.
"Wir müssen weiter Klinken putzen gehen", sagt der Gartzer Amtsdirektor Frank Gotzmann. Er vermutet nicht nur unterschiedliche Auffassungen zwischen Deutschland und Polen, sondern auch innerhalb der Deutschen Bahn. Um die Bahnhöfe zu retten, müsse notfalls auch die öffentliche Hand Verpflichtungen eingehen. "Wir müssen alles tun, um die Eisenbahn hier zu halten."