Als Dumpinglohn-Paradies ist die Uckermark längst verschrien. Arbeitgeber drücken permanent auf Löhne und Gehälter, weil in den vergangenen 20 Jahren stets genug Arbeitslose zur Verfügung standen, um mögliche freie Stellen schnell wieder zu besetzen. Der Landkreis mit der dauerhaft höchsten Arbeitslosenquote in der Bundesrepublik krankt an Stellenmangel und fehlender Neuansiedlung oder Erweiterung von Wirtschaftsbetrieben. Wer keinen Job findet, pendelt Richtung Berlin, zieht weg oder ergreift den Strohhalm eines Niedriglohnangebots.
Jetzt liegen neue Zahlen vor, die das ganze Ausmaß zeigen. Eine von den Gewerkschaften ver.di und NGG (Nahrung-Genuss-Gaststätten) in Auftrag gegebene Berechnung geht davon aus, dass etwa 15850 Menschen in der Uckermark für einen Niedriglohn arbeiten und somit weniger als 8,50 Euro pro Stunde verdienen. Die Wissenschaftler haben in diesem Zusammenhang die Auswirkungen untersucht. Denn wer zu wenig in der Lohntüte hat, kann weniger ausgeben. Er ist auf Sonderangebote, Rabatte und Billigprodukte angewiesen, muss sich zu Hause einschränken und den Euro zweimal umdrehen, bevor er ausgegeben werden kann.
Die Gewerkschaften Ver.di und NGG betrachten die Ergebnisse als klares Argument für den von ihnen geforderten gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro. Wenn jeder Beschäftigte der Uckermark wenigstens 8,50 Euro pro Stunde verdienen würde, könnte die Kaufkraft der Menschen um 42,8 Millionen Euro steigen - so die Berechnung. "Wer den ganzen Tag arbeitet, muss mit dem, was er verdient, auch klarkommen können", so Roland Tremper, Geschäftsführer des Ver.di-Bezirks Uckermark-Barnim. "Das klappt aber nicht, wenn Dumpinglöhne gezahlt werden." Niedriglöhner könnten daher am Leben nicht richtig teilnehmen. Ein Niedriglohn bedeute automatisch "eine Lebensqualität dritter Klasse".
NGG und Ver.di werfen Lohndumping-Arbeitgebern vor, sie würden sich ihre "Geiz-Löhne" vom Steuerzahler subventionieren lassen. Denn wer mit seinem Gehalt nicht auskommt, erhält als sogenannter Aufstocker Hartz-IV-Leistungen vom Job-Center. Rund 5000 Menschen des Landkreises sind jeden Monat auf diese Form der öffentlichen Hilfe angewiesen.
Das Job-Center geht inzwischen mit Klagen gegen die schlimmsten Dumpinglöhne vor. Die erste liegt gerade vor dem Arbeitsgericht Eberswalde.
Auch die Arbeitsagentur Eberswalde bestätigt das teils drastische Lohngefälle zwischen Berlin und Brandenburg. Rund 400 Euro liegt der Durchschnittsbruttoverdienst im Umland unter dem der Hauptstadt. Allerdings bezeichnet Agenturchefin Dagmar Brendel die von den Gewerkschaften veröffentlichten Ergebnisse der Pestel-Studie als "etwas plakativ" mit Blick auf den Bundestagswahlkampf.
Tatsächlich erscheint der Anteil des Niedriglohnsektors schon rechnerisch viel zu hoch. Denn in der Uckermark haben insgesamt rund 42 000 Menschen einen sozialversicherungspflichtigen Job. Doch dazu gehören auch Pendler bzw. Arbeitnehmer aus anderen Regionen, die hier arbeiten. Die Zahl der direkt vorhandenen Stellen beläuft sich auf lediglich rund 37000. Folgt man den Ergebnissen der Pestel-Studie, würde nahezu jeder zweite Arbeitnehmer unter dem 8,50-Euro-Stundenlohn liegen. Das bezweifelt die Arbeitsagentur.
Denn allein die öffentliche Verwaltung, die Gesundheitsbranche und das Baugewerbe machen die drei großen Schwerpunkte unter den Arbeitgebern aus. Sie zählen aber in der Regel nicht zu den Dumping-Entlohnern. Dafür sind schon eher Handel, Gastronomie, Gartenbau und Dienstleistungen bekannt.
Bei generell höheren Lohnforderungen warnt Dagmar Brendel vor einer möglichen Reaktion der Unternehmer. "Es könnte passieren, dass dann wieder ein Jobabbau stattfindet und man mehr auf Teilzeitmodelle zurückgreift. Oder die Firmen dünnen die Personaldecke aus bzw. schlagen die Mehrkosten bei den Kunden auf."