So einen Menschenauflauf vor dem Bäcker hat es in Gartz lange nicht gegeben. Viele Einwohner waren neugierig. Auch vorbei radelnde Touristen machten Halt, als Gunter Demnig die Steine in den Bürgersteig klopfte. Für Michael Knöfel war dies ein seit Langem ersehntes Ereignis. Er hatte die Aktion angeschoben, räumte aber ein: „Ich habe für meine Idee nicht nur Zuspruch geerntet.“
Knöfel hat die Geschichte der Gartzer Juden erforscht und herausgefunden, dass 28 dort geborene Bürger jüdischen Glaubens von den Nazis ermordet wurden. Zu diesen Bürgern gehörten Georg und Hertha Moses und ihr Sohn Gerd. Sie wohnten einst gegenüber dem heutigen Bäckerladen. Die Familie wurde 1942 nach Auschwitz deportiert und dort im Januar 1943 ermordet. Die Steine gegenüber dem Bäcker in der Pommernstraße erinnern nun daran.
Die Gartzer Alfred und Frieda Isaak haben einst in der Brückenstraße gewohnt. Sie wurden am 26. Februar 1943 in Auschwitz umgebracht. Seit gestern ist dies auf zwei ihnen gewidmeten Stolpersteinen in der Brückenstraße nachzulesen.
Der aus Gartz stammende Hans-Dieter Schierhorn hat einen Großteil des Geldes gespendet, mit dem die gestrige Aktion bezahlt werden konnte. Der Mann lebt heute in Hessen und wäre gestern gern nach Gartz gekommen, war aber erkrankt.
Verwandte der Familien Moses und Isaak leben heute in Brasilien. Michael Knöfel hat sie bei seinen Nachforschungen aufgespürt und steht mit ihnen in Kontakt. Knöfel hat sie über das Verlegen der Stolpersteine informiert. Die Angehörigen haben sich für diese Art des Erinnerns bedankt.
Beate Sandow war mit ihren Enkeln zum Zuschauen gekommen, als ein Platzregen die Aktion auf dem Bürgersteig überraschte. „Wenn Geschichte nachvollziehbar wird wie hier, müssen die Kinder dabei sein“, lachte sie. „Der Regen macht uns nichts aus.“
Eine aus persönlichem Erleben geprägte Sicht auf die Dinge hat der Gartzer Arzt Dr. Amin Ballouz. Er stammt aus dem Libanon und ist als junger Mensch von dort nach Deutschland geflüchtet. Ihn berührt das heutige Flüchtlingselend der Palästinenser. Mit einem Plakat forderte er die Umstehenden auf: „Denken Sie auch an die Ehre der Palästinenser.“
Zufällig vom Oder-Neiße-Radweg in die Pommernstraße abgebogen war Familie Sucker aus Berlin. Die Eheleute waren auf Rückfahrt von Ueckermünde. „In unserer Straße in Berlin liegen auch solche Steine. Wenn ich diese Steine in anderen Orten entdecke, lese ich mir die Angaben auf ihnen immer durch“, sagte Constanze Sucker.
In Berlin Kreuzberg hat Gunter Demnig 1996 die ersten Stolpersteine verlegt. Damals geschah das noch illegal. Inzwischen ist seine Aktion des Erinnerns auf ganz Deutschland und benachbarte Länder übergeschwappt. „In diesem Monat werden es insgesamt 31 000 Steine, die ich seitdem verlegt habe. Gartz ist die 662. Kommune, die diese Art des Erinnerns pflegt“, erzählte Demnig, während er kniend die matt schimmernden Steine ausrichtete.
Bald darauf machte er sich mit seinem Maurerauto auf den Weg nach Pasewalk. Auch dort verlegte er Stolpersteine.