Was tun, wenn man mit 61 den Job verliert? Zwei Jahre Arbeitslosigkeit, sich mit 63 in die Rente retten? Genau das wollte Ulrike Cordes nicht. Die studierte Landwirtin hat sich statt dessen mit Internet, Computern, Programmieren befasst. Und mit 64 Jahren einen neuen Job gefunden.
„Ich wollte nicht einfach die Jahre bis zur Rente überbrücken“, sagt sie. In den 1990er-Jahren kam sie aus Niedersachsen nach Brandenburg, arbeitete als Agrarberaterin, später in der Telekommunikationsbranche. „Ich habe schon immer gerne dazugelernt.“ Außerdem hatte sie lange Zeit als Selbstständige gearbeitet und daher auch keine hohe Rente zu erwarten.

Fast ein Dutzend Kurse absolviert

Vor etwa drei Jahren entdeckte Ulrike Cordes die kostenfreien Online-Kurse am Potsdamer Hasso-Plattner-Institut (HPI). Die Digitalisierung verändere unsere Welt, sagt sie, und sie wolle davon etwas verstehen. Fast ein Dutzend Kurse hat sie absolviert  – vom Internet-Basiswissen über IT-Sicherheit bis hin zur Programmierung. Die Kurse laufen komplett online ab – es gibt Vorlesungen, Workshops, Hausaufgaben und am Ende Prüfungen und ein Zertifikat. Meist erstrecken sie sich über sechs Wochen. Ulrike Cordes hat vor allem am Wochenende gelernt. Dass Lernen mit zunehmendem Alter schwerer fällt, lässt sie als Hinderungsgrund nicht gelten. Viele Menschen trauten sich zu wenig zu, findet sie. „Man darf keine Angst davor haben, dass man mal was nicht weiß“. Die Hausaufgaben seien zum Teil schwierig gewesen, erzählt sie, das Ergebnis fiel nicht so gut aus wie erhofft. „Dann möchte man hinschmeißen.“ 

Teilnehmer tauschen sich in Foren aus

Sehr geholfen haben ihr in solchen Situationen die Foren. Dort tauschen sich die Teilnehmer aus, diskutieren, Fortgeschrittene helfen Anfängern. Man dürfe nur keine Hemmungen haben, Fragen dort öffentlich zu posten und sich damit auch als Anfänger zu outen. Lernen musste die Agraringenieurin, sich mit ihren eigenen Ansprüchen nicht zu überfordern. Mit mindestens 50 Prozent der Punkte sei ein Kurs eben auch bestanden. Das, meint sie, sei auch für lernbegierige und motivierte Einsteiger zu schaffen. „Es ist eher schwierig, kein Zeugnis zu kriegen.“
Die freiwilligen Abschlüsse haben ihr geholfen, eine neue Arbeit zu finden. Sie hatte das Lernen nicht verlernt, wusste, welche berufliche Richtung sie einschlagen wollte. „Die Zertifikate sind auch wichtig fürs Selbstbewusstsein.“ Zwei Jahre lang hat die Agraringenieurin nach einer neuen Arbeit gesucht. Ihre Beraterin in der Arbeitsvermittlung habe sie sehr unterstützt, sagt Ulrike Cordes. Um im kaufmännischen Bereich einen Einstieg zu finden, lernte sie unter anderem den Umgang mit der Software SAP. „Das war wirklich schwer.“ Seit März arbeitet die 64-Jährige bei dem  IT-Unternehmen ncs plus GmbH in Brandenburg an der Havel als Projektmanagerin.

Lebenserfahrung war entscheidend

Ihre Persönlichkeit und Lebenserfahrung seien entscheidend gewesen für die Einstellung, sagt Geschäftsführer Andreas Czada. Soziale Kompetenz, Kommunikationsstärke, Durchsetzungsvermögen  – darauf kommt es ihm an. Die Kurse hätten für die Bewerbung nicht die entscheidende Rolle gespielt. Aber: „Qualifikation ist wichtig.“ Gerade in der IT-Branche müsse man am Ball bleiben. Die HPI-Plattform sieht er als eine gute Möglichkeit dafür. Andreas Czada beschäftigt in seinem Unternehmen 15 Angestellte, die Hälfte davon über 50 Jahre alt. Ein Einstellungsgrund ist für ihn auch die Förderung, die Unternehmen bekommen können, wenn sie sich für ältere Mitarbeiter entscheiden. Czada wirbt dafür, das Alter eine Bewerbers nicht von vornherein als Nachteil zu sehen. Ältere Mitarbeiter seien oft die loyalsten, die der Firma lange treu bleiben.
Ulrike Cordes will gerne weiter arbeiten, so lange es geht. Für ihren Job hat sie noch einmal Grundlagen von Programmiersprachen gelernt. Auf openHPI ist sie bereits für ihren nächsten Kurs eingeschrieben. 50 Jahre Internet. Auf Englisch.

Personalchefs fragen nach den Zertifikaten


Vor acht Jahren ist das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam mit openHPI (https://open.hpi.de) gestartet. Dort werden kostenfreie E-Learning-Kurse für jedermann angeboten. Die Plattform des IT-Instituts verzeichnet mittlerweile 239 000 Lernende aus vielen Ländern. Etwa 80 Prozent von ihnen kommen aus Deutschland.. Im Durchschnitt belegt ein Nutzer drei Kurse. Einzelne Kurse zählen bis zu 10 000 Teilnehmer. Die meisten sind Berufstätige zwischen 30 und 60 Jahren, wobei die 30 bis 39-Jährigen die Spitzengruppe bilden. In der Pandemie gab es einen Anstieg der Nutzung.

Seit Anfang  Januar registrierte das HPI im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 61 Prozent mehr Einschreibungen. Viele Kurse wenden sich an breite Bevölkerungsschichten und sind für Anfänger geeignet. Inwiefern die Kurse Absolventen bei der Jobsuche weiterhelfen, dazu gibt es keine Daten. Laut Pressesstelle des HPI melden sich aber öfter Mitarbeiter aus Personalbereichen von Unternehmen und erkundigen sich nach den Zertifikaten, weil Bewerber darauf in ihren Unterlagen verwiesen haben. ima