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Wendefeld hat auch eine Nofretete

Zum Verwechseln ähnlich: In seinem Atelier in Wendefeld hat Kunstfälscher Andreas Uckert eine exakte Kopie der Nofretete-Büste, wie sie in einem Berliner Museum im Original zu sehen ist, angefertigt.Foto: Sabine Slatosch
Zum Verwechseln ähnlich: In seinem Atelier in Wendefeld hat Kunstfälscher Andreas Uckert eine exakte Kopie der Nofretete-Büste, wie sie in einem Berliner Museum im Original zu sehen ist, angefertigt.Foto: Sabine Slatosch © Foto: MZV/Sabine Slatosch
Sabine Slatosch / 30.12.2012, 19:41 Uhr
Wendefeld (MZV) Wer hat sie nicht schon einmal gesehen, die Büste der Nofretete, das Abbild der Großen königlichen Gemahlin des Pharao Echnaton aus dem 14. Jahrhundert vor Christi. Ihr Name Nefertiti bedeutet: Die Schöne ist gekommen.

Nun ist sie auch in Wendefeld auferstanden, bemalt geschliffen und gepudert von Andreas Uckert, dem Fälscher. Die groß angelegte Ausstellung zur Amarna-Zeit im Neuen Museum auf der Museumsinsel Berlin aus Anlass des Auffindungsdatums der Büste am 6. Dezember 1912 war für Uckert Anlass und Herausforderung zugleich, um seine Fälscher-Qualitäten unter Beweis zu stellen. "Ich mache Nofretete so, dass sie fast wie eineiige Zwillinge sind, dass die Leute sie sich hier begucken können", und dabei stellt er selbst die Echtheit des Ausstellungsstückes in Berlin in Frage.

Fotografien und Zeichnungen dienten als Vorlage. Die Materialien wählte Uckert entsprechend dem Fundstück. Mit Kalkstein und Stuck baute er die Skulptur auf, ganz einfach, wie er sagt, aus drei Tüten je drei Kellen und aus der Pampe formte er Hals, Kopf und Krone. Mit wiederholten Messungen glich er sein Werk mit dem Original des Oberbildhauers zur Zeit der 18. Dynastie, Thutmosis, ab: das Profil, die Wölbung der Wangen, der Schwung der Lippen. Allein an dem Mund habe er eine Woche gearbeitet. Es seien für ihn nicht nur Fingerübungen. "Mir geht es um Spiritualität, das Geheimnis der Frau". Das Auge der Nofretete sei aus Bergkristall, zum Beweis liegt ein Stück auf dem Tisch daneben. Für die Bemalung verwendete er Naturfarben, "alte Bestände aus Russland", die ihm vor vielen Jahren ein Kumpel überlassen habe, der selbst Ikonen gemalt habe. Einige Farben wie Blei-Gelb stellt sein Sohn Denis selbst her. Die Bindemittel für die Farbpigmente bleiben ein Geheimnis. So wie die vielen Episoden aus dem Leben des Fälschers geheimnisvoll bleiben. Er habe ein fotografisches Gedächtnis, eine Begabung zum Restaurieren und Kopieren und ein wenig kriminelle Energie, so Uckert, die lebe er aus.

Die Geburtsstunde seines Fälscherdaseins sei im Geschichtsunterricht in der Schule gewesen, als er sich aus dem Abschnitt über die industrielle Revolution flüchtete, indem er eine Graphitzeichnung von Lenin nach einer Fotografie anfertigte. Die war ihm ziemlich gut gelungen. Später kopierte er Gemälde von seinem Lieblingsmaler Carl Spitzweg. "Der arme Poet" mit deutlichen Zügen von Nachdunklung und Farbschichtbrüchen hängt im Nebenraum. Als das Original 1989 aus dem Museum Charlottenburg geraubt wurde, sorgte Uckert mit seiner Kopie für Unruhe. Das erzählt er und zeigt den Stempel auf der Rückseite: Beschlagnahmungserklärung - Am Gericht Oranienburg. Den Stempel hat er selbst gemacht, das fehlende T bemerke kaum jemand. "Da mach ich mir den Gag", sagt er. Und er schmunzelt überhaupt nicht.

Bei Uckert schwebt alles im vagen Raum der Möglichkeiten. Für seine Nofretete wünscht er sich einen geheimen Austausch. Vielleicht würde niemand die beiden Köpfe voneinander unterscheiden können. Noch steht die "Schöne von Wendefeld" gut ausgeleuchtet in seinem Arbeits- und Ausstellungsraum, wo sie vom Künstler immer wieder für die Patina der Altertümlichkeit gepudert wird. Sogar eine Zigarre hat sich Uckert bei Petra Fähnrich in Gransee gekauft. Der Rauch soll in die Schöne einziehen. Denn in der Berliner Villa des James Simon, Unternehmer und Förderer der Berliner Museen, wo die ägyptische Büste bis 1920 stand, hat sie auch Kaiser Wilhelm II. mehrmals betrachtet, und damals haben die Herren Zigarre geraucht.

Vielleicht will einer den Königinnenkopf haben, vielleicht kommen die Leute, die mal wieder lachen wollen, vielleicht auch Schulklassen, sagt der Fälscher. In Berlin werde viel Tamtam gemacht, dabei hat Wendefeld auch eine Nofretete.

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