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Manche Geschichten bleiben in Erinnerung

Das Team sorgt dafür, dass alle Patienten gut betreut sind.
Das Team sorgt dafür, dass alle Patienten gut betreut sind. © Foto: MZV/privat
Judith Melzer-Voigt / 23.05.2013, 18:13 Uhr
Strubensee (MZV) 2 175 suchtkranke Männer und Frauen: So viele waren es, die in den vergangenen 20 Jahren im Haus Schönbirken des Vereins Tannenhof Berlin-Brandenburg Hilfe gesucht und gefunden haben - mal erfolgreich, mal nicht. Am 1. Juni 1993 wurde die Einrichtung gegründet.

Die Eingangstür ist verschlossen. Der Besucher muss die Klingel links daneben betätigen, um auf das Areal des Hauses Schönbirken zu kommen. Ein schriller Ton erklingt und schon steht Ute Hoffmann an der Eingangstür. Sie ist die Hausleiterin der Einrichtung. "Wir wollen gern wissen, wer auf dem Areal unterwegs ist", erklärt sie die abgeschlossene Pforte und bittet den Gast hinein in das eindrucksvolle Haus, das der Film-Schauspieler Ralph Arthur Roberts einst in der Nähe des Wutzsees bauen ließ.

Während der Besuch von auswärts jetzt nach links in Hoffmanns Büro geleitet wird, würden Patienten folgende Schritte durchleben: Sie müssen erst "pusten", um ihren Promillewert bestimmen zu lassen. "Wir sind ein abstinentes Haus", sagt Hoffmann. Auch wenn die Alkoholabhängigen einkaufen oder spazieren waren - dieser Test ist immer das erste. Für Neuzugänge ist die Abfolge am ersten Tag vorgeschrieben: Begrüßung, erster Kontakt mit dem Therapeuten, eine Runde durchs Haus, ärztliche Aufnahme , Zimmervergabe. Am nächsten Tag folgt die Morgenrunde, in der ein Pate für den neuen Patienten gewählt wird. Er führt den gerade Angekommenen durch die Startphase im Haus Schönbirken und ist sein Ansprechpartner.

"Die erste Woche ist meist die schwerste", weiß Hoffmann. Da bräuchten die Kranken schon mal mehr Zuwendung. Das Team, das ihnen genau das gibt, ist groß. Insgesamt 25 Mitarbeiter gibt es vor Ort - von Sozialtherapeuten über Psychologen, einen Koch, Auszubildende, eine Hauswirtschafterin, Krankenschwestern, einen Ergotherapeuten, einen Hausmeister bis hin zu Aushilfen und Ehrenamtlern. Dazu kommen Hoffmann als Hausleiterin und Beate Hellfors, die die ärztliche Leiterin in der Einrichtung ist.

"Spätestens am zweiten Tag gibt es für die neuen Patienten dann ein Einzelgespräch", erklärt Hoffmann. Dann erfahren die Neuzugänge auch, wo sie arbeitstherapeutisch eingesetzt werden. Die Auswahl im Haus ist groß. Es gibt die Bereiche Hauswirtschaft, Küche, Tiere, Hausmeisterei und im Winter auch die Holzwerkstatt.

Am dritten Tag stehen Gruppengespräche an, bei denen jeweils zehn bis zwölf Süchtige dabei sind. Wenn jemand vier Wochen in der Einrichtung untergebracht ist, kommt der Lebensbericht an die Reihe - ein sehr schwieriger Moment für die Bewohner. In der großen Gruppe mit allen 32 Behandelten sprechen sie über sich, ihre Probleme und den Suchtverlauf. "Da sind die meisten sehr nervös", sagt Hoffmann. Ist der Lebensbericht geschafft, geht es vor allem um eines: Stabilisierung. Die Männer und Frauen müssen wieder lernen, ihren Alltag zu gestalten - und in dem ist laut Hoffmann plötzlich wieder viel mehr Zeit, denn das Trinken fällt weg. Da kann Langeweile zum Problem werden. Haben die Kranken das hinter sich gebracht, wird es für sie nicht sofort leichter: Die Entlassung wird vorbereitet, denn ein Patient bleibt nur zwölf Wochen im Haus Schönbirken. "Unser Ziel ist es, dass jeder in eine Nachsorgeeinrichtung kommt", erklärt Ute Hoffmann. Jeder brauche eine Perspektive und so wird auch der Kontakt zum Fallmanager im Jobcenter hergestellt.

Wie erfolgreich die Arbeit im Haus ist, kann erst in knapp einem Jahr gesagt werden. Denn erst seit Kurzem werden die ehemaligen Patienten nach einem Jahr noch einmal kontaktiert und nach ihrer Lebenssituation gefragt. "80 Prozent beenden ihre Therapie", erklärt Hoffmann aber. 50 Prozent derjenigen, die im Anschluss angeschrieben werden, schicken ihren Fragebogen zurück - auch das ist laut Hoffmann ein guter Wert.

Mit drei Bewohnern startete das Haus Schönbirken am 1. Juni 1993 - heute sind es 32. Nach und nach wurden Häuser aus- und neugebaut. Die ersten Kranken, die vor Ort untergebracht wurden, halfen bei den Bauarbeiten. Aus dem Haus, das sich auf Sozialtherapie konzentrierte, wurde eines, in dem Rehabilitation an erster Stelle steht. Seit Dezember 2010 ist Ute Hoffmann Hausleiterin - es war für sie eine Rückkehr, denn ihre Arbeit in Schönbirken begann 1993. Später leitete sie die Suchtberatung des Vereins in Neuruppin. "Das Haus zieht einen zurück", sagt sie. "Es hat eine besondere Atmosphäre." Die tolle Umgebung spiele ebenso eine Rolle wie der Fakt, dass es sich um eine kleinere Einrichtung handelt. "Viele Besucher wollen hier gern mal Urlaub machen. Aber das hier ist kein Urlaub." Die Kranken müssten sich wieder selbst kennenlernen - und das sei eine schwierige Aufgabe, die mit harter Arbeit verbunden ist. Manchmal schafft sie es nicht, die Geschichten der Kranken im Haus Schönbirken zu lassen. "Natürlich nimmt man manches mit nach Hause", sagt sie. Die Schicksale bewegen sie und bleiben in Erinnerung, aber es sei wichtig, Grenzen zu setzen - wie es auch die Kranken lernen müssen, ihrer Sucht Grenzen aufzuzeigen.

Gefeiert wird das 20-jährige Bestehen mit einem Ehemaligentreffen am 25. Mai ab 10 Uhr und einer Fachtagung am 4. Juni ab 9 Uhr (Programm siehe Infokasten).

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