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Mario Müller hat sich mit einer Tischlerwerkstatt selbstständig gemacht / Alte Familientradition wird fortgeführt

In Werder werden wieder Kähne gebaut

Dies soll ein Ruder- und Angelkahn werden, wie er in der Gegend gebräuchlich war: Mario Müller in seiner Werkstatt in Werder, wo einst schon die Großväter Boote aus Holz hergestellt haben.
Dies soll ein Ruder- und Angelkahn werden, wie er in der Gegend gebräuchlich war: Mario Müller in seiner Werkstatt in Werder, wo einst schon die Großväter Boote aus Holz hergestellt haben. © Foto: MOZ/Jˆrn Tornow
Iris Stoff / 31.05.2013, 07:55 Uhr
Werder (MOZ) Mario Müller aus Werder hat an die alte Tradition seiner Familie angeknüpft und eine Werkstatt für Bau- und Möbeltischlerei sowie Kahnbau eröffnet. Seit Anfang Mai ist er dort als Selbstständiger tätig. Die Gemeindeverwaltung Tauche hat ihn unterstützt, und die Nachbarn freuen sich, dass wieder ein Tischler im Ort ist.

Paul Müller wäre heute sicherlich stolz auf seinen Enkelsohn. Ist jetzt doch eingetreten, was er sich 1982 im Gespräch mit dem "Neuen Tag" gewünscht hat. In der Rubrik "Streifzüge rechts und links der Spree" gab es da einen Bericht über ihn und seinen Kahnbaubetrieb, den er aus Altersgründen gerade aufgegeben hatte. Darin stand: Paul Müller setzt nun auf seinen Enkel. "Immerhin hat er die Absicht, Tischler zu werden, das ist schon eine solide Grundlage." Und genau so ist es gekommen. Der heute 45-jährige Mario Müller hat von der Pike auf Tischler gelernt, war in einer Tischlerei angestellt und hat sich nun selbstständig gemacht. Er ist in die Werkstatt seines Großvaters gezogen, wo er schon als kleiner Junge gern mitgeholfen und den Duft von frisch bearbeitetem Holz eingeatmet hat.

Neben der ganzen Palette von Bautischlerei über Möbelrestaurierung bietet Mario Müller jetzt in Werder auch wieder Kahnbau und -reparaturen an. Bereits sein Urgroßvater hatte seinerzeit auf dem Grundstück damit begonnen, Kähne herzustellen. "Die haben hier früher in der Region eine große Rolle gespielt", sagt Marion Müller. "Das hat einen ganz anderen Stellenwert gehabt." Das erste Auto sei erst Ende der dreißiger Jahre nach Werder gekommen. Und das habe einem Jagdpächter aus Berlin gehört. Bis nach dem Krieg gab es hier auch gar keine Brücke über die Spree, nur eine Fähre. Die Wirtschaften im Ort besaßen größtenteils zwei Kähne. Einen, um das Vieh mit Heu und Gras zu versorgen, und einen, um ihre Fischereirechte in der Spree wahrzunehmen. Der Bootsbau muss damals also ein einträgliches Geschäft gewesen sein. "1968 hat es laut Statistik in den Regionen Potsdam und Frankfurt immerhin noch 40 Bootsbauer gegeben", weiß Mario Müller. Sein Großvater habe die Holzkähne in die ganze DDR geliefert. Von der Ostsee bis nach Sachsen. Gebaut wurden Fischereikähne, Ruderkähne für Ferienlager, Wirtschaftskähne für die Wasserwirtschaft und Spreewaldkähne. In den letzten Jahrzehnten sei dann die Nachfrage allerdings drastisch zurückgegangen. "Es war nicht mehr rentabel, man hat mehr auf Boote aus Kunststoff gesetzt", schildert Mario Müller.

Inzwischen habe sich der Trend aber wieder umgekehrt. Holzboote sind etwas Besonderes. Ihre Besitzer lassen sie aufarbeiten und pflegen. Auch Neubauten sind immer mehr gefragt. In diesen Trend will sich der Tischler aus Werder nun einbringen.

Dass er sein Handwerk versteht, hat Mario Müller unter anderem 2008 zur 800-Jahr-Feier von Kossenblatt bewiesen. Für den großen Festumzug hat er da nach allen Regeln der Kunst einen Fischerkahn gebaut. Ganz nach traditioneller Bauweise. Mit Hanfschnur kalfatert (die Fugen abgedichtet) und mit Pech vergossen. Dieses Schmuckstück fuhr dann auf einem Leiterwagen, den Mario Müller ebenfalls gebaut hatte, in Umzug mit und symbolisierte die Kahnbautradition in der Region.

Übrigens gibt es einen Unterschied zwischen den Kähnen aus Werder und den typischen Spreewaldkähnen. "Wir verarbeiten grundsätzlich Längstlatten, während die Spreewaldkähne quer gelattet sind", erklärt Mario Müller. Benutzt wird traditionell das Holz der Kiefer. "Das ist harzhaltig und wasserabweisend." Interessant ist auch, dass es für die Kähne keine Literatur mit Bauanleitungen gibt. Jede Familie hatte da ihre eigenen Pläne, die immer weitergegeben worden seien, sagt der Tischler aus Werder. Er besitzt noch die alte Kladde seines Großvaters. Darin sind Skizzen für die verschiedenen Bootstypen und handgeschriebene Hinweise.

Übrigens hat der Tischler aus Werder, der auch Ortsvorsteher im Dorf ist, noch eine zweite Leidenschaft. Er sammelt seit dreißig Jahren alles, was mit Booten in seiner Region zu tun hat, hat damit auch schon Ausstellungen gestaltet. "Wenn jemand noch historisches Material wie Fotos oder Zeitungsausschnitte hat, ich bin immer interessiert", sagt Mario Müller.

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