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Gefangene der JVA Wriezen helfen dabei, Gutsarbeiterheim in Beerbaum wiederaufzubauen

Neues Leben für altes Lehmhaus

Lang geplantes Projekt wird in Angriff genommen: Christian Nowak vom Kurmarkverein, Helmut Puphal von der JVA und Michael Busch, Bürgermeister von Heckelberg-Brunow (vl.) vor dem alten Lehmhaus in Beerbaum, das wieder aufgebaut werden soll.
Lang geplantes Projekt wird in Angriff genommen: Christian Nowak vom Kurmarkverein, Helmut Puphal von der JVA und Michael Busch, Bürgermeister von Heckelberg-Brunow (vl.) vor dem alten Lehmhaus in Beerbaum, das wieder aufgebaut werden soll. © Foto: MOZ/Inga Dreyer
Inga Dreyer / 29.03.2014, 07:39 Uhr
Beerbaum (MOZ) Es ist eine eigene Welt hinter dicken Mauern: Die Justizvollzugsanstalt (JVA) Wriezen. Bis zu 198 männliche jugendliche und heranwachsende Strafgefangene werden hier auf ein Leben in Freiheit vorbereitet. In einer MOZ-Serie stellen wir den Alltag in der JVA vor. Heute: Lehmhausbau in Beerbaum.

"Jetzt gibt es hier jemanden, der richtige Freudensprünge macht", sagt Michael Busch, der Bürgermeister von Heckelberg-Brunow, und grinst breit. Gerade hat ihm Helmut Puphal, der Leiter des offenen Vollzugs der JVA Wriezen, eine Nachricht überbracht: Den ganzen Sommer über werden Gefangene des offenen Vollzuges helfen, das Lehmhaus in Beerbaum wieder aufzubauen. Fest vereinbart war bisher nur ein Zeitraum bis Ende April.

Die Rettung des Hauses ist ein Vorhaben, das beinahe gescheitert wäre, berichtet Busch. "Die Hilfe war ausschlaggebend." Ohne die Unterstützung hätte der Kurmarkverein, der sich für den Wiederaufbau engagiert, vielleicht aufgegeben.

Immer weiter war das Lehmgebäude verfallen, doch Rettung war nicht in Sicht. Als der Verein sich schließlich an Landrat Gernot Schmidt (SPD) wandte, vermittelte dieser einen Kontakt zur JVA. "Der Leiter hat gar nicht lange diskutiert", erzählt Michael Busch. Dann ging plötzlich alles ganz schnell.

Zwei junge Männer aus dem offenen Vollzug arbeiten seit letzter Woche auf dem Gelände: Sie räumen Baumaterialien weg, sortieren Ziegelsteine. Erst einmal geht es darum, den Weg frei zu schaufeln, damit das Projekt richtig starten kann.

Viel zu sehen ist momentan nicht von dem Lehmbauhaus, dessen Dach und Seiten von Planen verdeckt werden. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde es im Auftrag von Sophie Juliane Gräfin Dönhoff (1768-1834) gebaut, die 1805 das Gut Beerbaum gekauft hatte. In ihm wohnten wahrscheinlich zwei Gutsarbeiterfamilien. Für damalige Zeiten sei das ein Fortschritt gewesen, erzählt Michael Busch. Denn die Arbeiter hätten zuvor bei den Tieren gewohnt. Das Haus wurde in Lehmstampfbauweise errichtet - einer Technik, die in der Region selten Verwendung fand. Heutzutage sind nur noch wenige dieser Häuser erhalten.

Für die Gefangenen der JVA ist das Projekt auch ein Ausflug in die Geschichte. "Wenn der ehemalige Bürgermeister da ist, erzählt er uns, wie die Menschen früher hier gelebt haben", erzählt einer der beiden Gefangenen, die beide lieber anonym bleiben möchten.

Der ehemalige Bürgermeister, der den jungen Männern so lebendige Einblicke in die Geschichte des Ortes und des Gebäudes gewährt, ist Ortwin Jäger, der Vorsitzende des Kurmarkvereins. Dessen Mitglieder kümmern sich abwechselnd um die Gefangenen auf der Baustelle. Immer muss einer von ihnen dabei sein. Ein Rentner aus Heckelberg hat sich bereiterklärt, die Jugendlichen aus Wriezen abzuholen. Jeden Morgen um 6.30 Uhr fährt er los. Es sei schön, dass sich alle mit einbringen, sagt Christian Nowak vom Kurmarkverein.

Die Gefangenen bekommen für ihren Einsatz eine Praktikumsbescheinigung. Sie dürfen dabei nur zusätzliche Hilfsarbeiten übernehmen - keine, für die es Fördermittel gibt. 140000 Euro stehen für das Projekt zur Verfügung. Eine knappe Kalkulation, sagt Michael Busch.

Ab April beginnen die Fachfirmen mit ihren Arbeiten. Den Experten sollen die Gefangenen, die bisher bei einfachen Tätigkeiten geschuftet haben, über die Schulter schauen dürfen. "Sie sollen ja auch profitieren", betont der Bürgermeister.

Erst wird der Giebel abgenommen, dann zieht eine Lehmbaufachfirma die Wände in die Höhe. Eine langwierige Arbeit. 40 Zentimeter in zwei Wochen, erzählt Michael Busch. Die Wunschvorstellung sei, dass das Lehmhaus Ende September fertig ist.

Für die Gefangenen biete ein solches Projekt Abwechslung vom Gefängnisalltag, sagt Helmut Puphal. "Sie schaffen mit ihren Händen etwas, dass für die Gesellschaft eine Freude ist." "Sie werden gebraucht. Dieses Gefühl wird ihnen vermittelt", sagt Christian Nowak. Auch geht es um den Kontakt mit Menschen außerhalb der Gefängnismauern. Michael Busch ist da optimistisch. Die Einwohner von Beerbaum seien aufgeschlossen und ohne Vorbehalte. Er warte nur darauf, dass der erste mit Kuchen vorbeikommt, sagt er und lacht.

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