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Reise in die eigene Vergangenheit

Da war der Eingang: Barbara von Albedyhll, jüngste Tochter des einstigen Gutsherren, zeigt auf einen noch erkennbaren Kellerrundbogen des Eingangsbereiches des einstigen Schlosses. Ihre 76-jährige Nichte Maria-Barbara Welz (2.v.r.) begleitete sie mit ihre
Da war der Eingang: Barbara von Albedyhll, jüngste Tochter des einstigen Gutsherren, zeigt auf einen noch erkennbaren Kellerrundbogen des Eingangsbereiches des einstigen Schlosses. Ihre 76-jährige Nichte Maria-Barbara Welz (2.v.r.) begleitete sie mit ihre © Foto: Johann Müller
Doris Steinkraus / 07.10.2014, 01:43 Uhr
Klessin (MOZ) Barbara von Albedyhll war 17, als sie im Januar 1945 mit ihrer Mutter vor der nahenden Front aus dem Gutshaus Klessin flüchten musste. Erneut kam sie jetzt mit Verwandten an die Stätte ihrer Kindheit und Jugend. Viele Erinnerungen wurden wach.

Entschlossen bahnt sich die alte Dame den Weg über das völlig zugewachsene Gelände. Nichts erinnert heute mehr daran, dass sich sich hier einmal eine große Gutsanlage mit diversen Wirtschaftsgebäuden befand. Sie wurde im Februar und März 1945 zu einem Kriegsschauplatz, bei dem erbittert um jeden Quadratmeter gekämpft wurde. Die Gebäude wurde allesamt zerschossen. Was noch an Materialien nutzbar war, holten sich nach Kriegsende die Dorfbewohner. Otto von Albedyll durfte als einstiger Junker nicht mehr zurückkehren auf sein Gut.

"Hier in Klessin habe ich wunderschöne Kindheit verlebt", erzählt Barbara von Albedyhll, die später einen entfernten Vetter aus einer anderen Linie heiratete und so den Familiennamen - bis auf ein zusätzliches H - behielt. Sie zeigt auf den Trichter, in dem Steine liegen. "Das war das Eingangstür unseres Hauses", weiß sie. Wie sie sich auch noch an den 29. Januar 1945 bestens erinnern kann. Da machte sie sich mit ihrer Mutter auf den Treck. Die beiden Schwestern waren bereits verheiratet und in anderen Regionen, der Bruder im Krieg. Er sollte nicht mehr heimkehren, fiel in Russland. "Es war bitterkalt, als wir uns auf den Weg machten", erzählt sie. "Wir haben fast zwei Stunden bis Frankfurt gebraucht. Die ganze Straße von Lebus an war voller Flüchtlinge. In den Straßengräben lagen viele Tote und auch die Überreste der Gegenstände, die die Flüchtlinge dabei hatten."

Mutter und Tochter zogen zur großen Schwester. Barbara von Albedyhll besuchte eine Hauswirtschaftsschule bei Magdeburg, bis diese geschlossen wurde. Dann hieß es, sie werde in den Uranbergbau der Wismut geschickt. Sie floh zur Schwester Brigitte von Cappeln ins Weserbergland. Das Thema Klessin sei für die Familie dann abgeschlossen gewesen, erzählt die 86-Jährige. Ihre Eltern Gertrud und Otto blieben bis zu ihrem Tod in Böltingen bei Haldensleben. Nur ein Karton voller Fotos überlebte die Umzugs-Odyssee. 1994 kam die jüngste Tochter des einstigen Gutsbesitzers zum ersten Mal zurück. "Wir wussten, dass nichts mehr da war, aber es war schon ein Schock", gesteht sie. Viele Erinnerungen seien wach geworden. Bis heute weiß sie genau, wo sich was befand. Ein Umstand, den der Verein zur Bergung Gefallener in Osteuropa (VDGO) zu schätzen weiß. Wiederholt war sie vor Ort, wenn der in Hamburg ansässige Verein nach Kriegstoten in Klessin suchte. Sie sei den Frauen und Männern sehr dankbar, sagt sie, und helfe gern. Bis heute wisse die Familie nicht, wo der Bruder in Russland liegt. Das schmerze ein Leben lang. Der Verein legt Wert auf Dokumentationen, sieht die Schicksale der Einzelnen eingebettet in die damaligen Ereignisse, setzt deshalb auf Zeitzeugen. Begleitet wird die heute in Braunschweig lebende Zeitzeugin von einer Nichte und deren Kinder. Sie selbst blieb kinderlos. "Wir versuchen, die Erinnerung wachzuhalten, ohne jegliche Besitzansprüche", sagt Großneffe Markus Welz. Drei seiner Schwestern sind ebenfalls mitgekommen. Sie fasziniert die Landschaft und die damit verbundene Geschichte. Vieles sei heute nicht mehr vorstellbar. Man dürfe das Leid nicht vergessen. Schwester Dorothea beeindruckt die Würde, mit der der VBGO seine Arbeit erledigt. Das sei bewegend und verdiene Anerkennung.

Die rüstige Seniorin hat auch ihre einstige Spielfreundin Erika Schulz in Frankfurt wieder besucht. Sie war die Tochter des Pferdeführers und rechten Hand des Vaters. Ansonsten hatten die Kinder wenig Kontakt mit Gleichaltrigen. Barbara von Albedyhll wurde von einer Hauslehrerin unterrichtet. "Sie wuchs sehr behütet auf", sieht es Matthias Welz. Um so bemerkenswerter sei es, wie sie die sich 1945 und danach überschlagenden Ereignisse bewältigt und verarbeitet hat. Für die Familie seien die Treffen mit ihr immer wieder eine spannende Reise in die Vergangenheit, bei der es für alle immer wieder neue Erkenntnisse gibt.

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G Pröhl 07.10.2014 - 14:07:06

Die Kinder und Enkel der Kriegstreiber

Sie jammern und jaulen , um der schönen Vergangenteit.Als der Hitlerkrieg noch in Richtung Osten ging , war ihre blaublütige Welt noch in Ordnung.Als es in die andere Richtung ging,brach die hochherrschaftliche Welt über ihnen zusammen.

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