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Polizei vermutet bei Mutter des getöteten Babys von Friedrichsthal schwierige persönliche Situation

Verheimlichte Schwangerschaft

Handzettel der Polizei: In der kommenden Woche verteilt die Kripo Informationsblätter an die Haushalte im Bereich Schwedt und Gartz.
Handzettel der Polizei: In der kommenden Woche verteilt die Kripo Informationsblätter an die Haushalte im Bereich Schwedt und Gartz. © Foto: Oliver Schwers
Oliver Schwers / 28.02.2015, 06:45 Uhr
Friedrichsthal (MOZ) Warum bringt eine Mutter ihr eigenes Kind um? Diese Frage beschäftigt nicht nur ganz Friedrichsthal und die Kripo, sondern auch viele Einwohner der Uckermark. Die Polizei hofft darauf, dass die Mutter den Mut fasst, sich zu stellen. Die Suche nach Hinweisen geht weiter.

Nach dem Fund des toten Neugeborenen am 19. Mai 2014 am Wegesrand bei Friedrichsthal gingen relativ wenig Hinweise ein. Obwohl sich die Stelle, an dem die schwarze Plastiktüte abgelegt wurde, an einem kaum befahrenen Punkt ganz in der Nähe des Radweges befindet, hat offenbar niemand etwas Auffälliges bemerkt. Die ungewöhnliche Tüte ohne Henkel lag hier vermutlich mehrere Tage. Erst bei Mäharbeiten interessierte sich ein Arbeiter für den Inhalt. Er fand das völlig nackte Baby. Ansonsten nichts.

Inzwischen hat die Polizei die meisten Menschen in Friedrichsthal befragt und 140 Speichelproben genommen, um die DNA zu bestimmen. Die meisten Frauen waren sofort bereit, mitzuhelfen. Die Elternschaft lässt sich bei Mutter und Vater zweifelsfrei nachweisen. Allein deshalb geht die Kripo davon aus, den Fall aufklären zu können.

In der nächsten Woche erhalten alle Haushalte zwischen Schwedt und Gartz ein Informationsblatt mit einer Beschreibung der Tüte, mit Fragen und Hinweisen zum Fundort. "Wir vermuten die Kindsmutter hier in diesem Radius", so der leitende Ermittler Jens Höwer. Sein Team stützt sich dabei auf Erkenntnisse in ähnlichen Fällen. Experten haben eine Analyse gemacht. Die geht davon aus, dass die Mutter einen festen Bezug zur Ortschaft Friedrichsthal oder zur näheren Umgebung besitzt. Vielleicht wohnte oder arbeitete sie dort, kennt Verwandte oder Freunde, war hier zu Besuch.

Weil es nach allen Ermittlungen keine Hinweise zu einer schwangeren Frau gab, die jetzt kein Kind hat, "müssen wir davon ausgehen, dass die Kindsmutter entweder unbemerkt schwanger war oder versucht hat, die Schwangerschaft zu verheimlichen", so Jens Höwer. Deshalb sucht die Polizei zum Beispiel nach solchen und auf Wunsch vertraulichen Hinweisen: Wer hat bei einer Bekannten unerklärliche Gewichtsschwankungen bemerkt? Welche Frau hat auffällig ihren Bekleidungsstil verändert? Gab es Veränderungen beim Essverhalten oder plötzliche Phasen von Übelkeit? Wo fehlten Bekannte oder Kollegen krankheitsbedingt immer mal wieder einen Tag oder waren unpässlich? Möglicherweise sind solche Anzeichen einer Schwangerschaft sogar Menschen aufgefallen, die sich bisher nicht getraut haben, das an die Polizei weiterzugeben.

Große Hoffnung hegen die Beamten, dass sich Mutter oder vielleicht der Vater doch noch von selbst melden. Vermutlich habe sie sich in einer "außergewöhnlichen und schwierigen Lebenssituation befunden", die sie bewältigen muss. Genaueres weiß nur sie allein. Aus diesem Grund könnte sie sich gegen das Kind entschieden haben. Das werde auf jeden Fall in den polizeilichen Ermittlungen berücksichtigt. Vergleichsfälle hatten in der Vergangenheit unterschiedliche persönliche oder psychische Ursachen für das Verheimlichen einer Schwangerschaft ans Licht gebracht. "Auch wenn die Entscheidung gegen das Kind zu einer zeitweiligen psychischen Entlastung und vermeintlichen Lösung ihrer Probleme geführt hat, muss man sich auf lange Sicht Sorgen um die Kindsmutter machen", so Kriminalhauptkommissar Jens Höwer. "Erfahrungsgemäß ist es nicht möglich, ein derartiges Ereignis ohne Inanspruchnahme professioneller Hilfe zu verarbeiten."

Es gibt sogar die Befürchtung, dass die Mutter erneut schwanger sein könnte und mit einer Geburt wiederum überfordert wäre. Die Folgen wären nicht auszudenken. Und die erste vermeintlich verheimlichte Schwangerschaft könnte sie in einem solchen Entschluss durchaus noch bestärken.

Die Polizei sichert zu, dass die Überprüfung von Hinweisen auch im eigenen Familienfeld so diskret wie möglich erfolgen. Üblicherweise werden die Personen von Zivilkollegen aufgesucht und - sofern das Einverständnis vorliegt - wird eine Speichelprobe genommen. Das Ganze dauert kaum zehn Minuten.

Hinweise erbittet die Kripo auch zu der schwarzen Plastiktüte, hergestellt in Asien. Sie verfügt nicht über hierzulande übliche Tragegriffe, sondern über vier Laschen, die miteinander verknotet werden.

Sollten alle Hinweise keinen Erfolg bringen, weitet die Polizei ihre Ermittlungen in immer größerem Radius aus. Als letztes Mittel könnte dann auch eine DNA-Massenuntersuchung infrage kommen, ähnlich wie vor einigen Jahren im Raum Greiffenberg/Pfingstberg, als ein 20 Jahre zurückliegender Fall aufgeklärt werden sollte.

Am 8. März geht die Kripo mit dem Fall der Friedrichsthaler Babyleiche erneut an die Öffentlichkeit. Er soll in der RBB-Sendung Täter, Opfer, Polizei gezeigt werden.

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