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Bombodrom wieder ein Stück freier

Viel größer als die Lüneburger Heide: Die Mischung aus einzigartiger Natur und Geschichte macht den Reiz der Kyritz-Ruppiner Heide aus.
Viel größer als die Lüneburger Heide: Die Mischung aus einzigartiger Natur und Geschichte macht den Reiz der Kyritz-Ruppiner Heide aus. © Foto: MZV
Daniel Dzienian / 28.05.2015, 19:35 Uhr
Neuglienicke (dd) Sowjetmilitärs ließen dort gefährliche Streubomben und alle anderen Arten von Munition, Granaten, Mienen und Sprengsätzen zurück, die man sich vorstellen kann. Schossen mit Raketen und Panzern, trainierten Eliteeinheiten, brannten die Landschaft ab, vergruben alte Autos, Fässer mit Öl und vieles mehr.

Heute herrscht auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Kyritz-Ruppiner Heide nur noch die Natur. Die zusammenhängende Heidelandschaft ist größer als die in der Lüneburger Heide. Jeder sollte diesen touristischen Schatz - die Heideblüte von Mitte August bis Ende September - einmal gesehen haben. Die Nachfrage nach Kutschfahrten in das Gebiet steigt. Immer mehr Menschen wollen wieder dorthin.

Dazu ist nun ein wichtiger Schritt geschafft. Die Heinz-Sielmann-Stiftung, die ein Drittel des 12 000  Hektar großen Areals bewirtschaftet, erwartet die Freigabe eines 13 Kilometer langen südlichen Weges. Er führt von Neuglienicke nach Pfalzheim und Rossow. Später kommt noch ein Stück bis Fretzdorf dazu. Der Landkreis muss nur noch zustimmen.

Am Donnerstag hatte die Stiftung Journalisten aus der Hauptstadt eingeladen. Sie will noch stärker auf das einzigartige Ausflugsziel aufmerksam machen.

Freigabe heißt: Vier Kutschunternehmen sollen von diesem Sommer an allein mit Besuchern auf den Bombenabwurfplatz dürfen - vorerst noch mit Ausnahmegenehmigung. Bis jetzt musste immer ein Munitionsexperte der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) oder der Sielmann-Stiftung mitfahren. Die komplette Freigabe des Wegs folgt dann im Herbst. Im Sommer 2016 könnten theoretisch auch andere Kremser kommen. Oder Wanderer und Radfahrer, wenn sie auf den Wegen bleiben, meint Lothar Lankow. Er ist Projektleiter für die Heide bei der Sielmann-Stiftung.

Jürgen Strache aus Zermützel ist einer der vier Kutscher. "Ich fürchte aber nicht unbedingt Konkurrenz durch die Öffnung", sagt er. "Erstens gibt es nicht mehr allzu viele Unternehmer in der Branche. Zweitens muss man aus der Nähe sein, damit es sich auch lohnt." Wer die Kutschfahrten bucht, soll ab diesem Sommer zum Fahrpreis eine kleine Gebühr von 50 Cent zahlen. Das Geld geht an die Stiftung und soll den Standort besser vermarkten helfen - im Internet und auf Flyern.

Als nächstes rücken 15 Mitarbeiter einer Beschäftigungsmaßnahme der Akademie Seehof an. Sie müssen vor der Freigabe im Herbst noch Poller, Wegweiser, Schranken und Warnhinweise aufstellen. Darauf hatte die Bima noch bestanden.

Die Freigabe ist deshalb eine so große Sache, weil die Beräumung des Areals unglaublich langwierig ist. Dass die komplette Heide einmal ungefährlich sein wird, schließt Lothar Lankow aus. "Das würde eine dreistellige Millionensumme kosten", sagt er. Zum Vergleich: "Der Kampfmittelbeseitigungsdienst in Brandenburg hat pro Jahr vielleicht 22 Millionen Euro zur Verfügung", erklärt Lankow. "15 gibt er in Oranienburg aus. Dann sind da noch Halbe, Seelow und so weiter. Viel bleibt da nicht mehr."

Der nun als sicher geltende Weg liegt in der am wenigsten von Munition belasteten der drei Zonen des Areals. Angefahren wird der Sielmann-Hügel. Dort soll ein Aussichtsturm entstehen, 15 Meter hoch, barrierefrei. Dazu sind Leader-Fördermittel nötig. Der Turm steht frühestens 2017. Heidebesucher haben aber auch jetzt schon von dort eine schöne Aussicht. "Ein paar Bäume werden noch weggeschlagen", verrät Lankow. So soll eine vier Kilometer lange Sichtachse entstehen.

Die nächsten Schritte werden wieder mühselig. Die Stiftung will einen weiteren, zirka 800 Meter langen Querweg zum sogenannten Generalshügel freimachen. Dort steht noch ein alter Aussichtsturm, von wo aus die Militärspitzen sich die Kriegsspiele ansahen. "Das führt uns aber sehr dicht an die rote, die gefährlichste Zone heran", so Lankow. Das wird schwierig. "In der Zone könnten Besucher aber hervorragend sehen, wie die Heide sich entwickelt, wenn wir nicht eingreifen." Der Bereich gilt als zu gefährlich. Dort findet keine Forstbewirtschaftung statt. Zu finden sind dort etwa sogenannte Cluster-Bomben, kleine tennisballgroße grüne Kugeln mit sprengbaren Teilen, die Menschen schwer verletzen sollen. Nach Jahrzehnten im Gras "erkennt man diese Dinger kaum", so Lankow. Ein echtes Problem haben Stiftung und Bima immer wieder mit Motocross-Fahrern. Die nehmen selbst Wege in dieses Gebiet. Und wegen ihrer Geschwindigkeit kriegt man sie nicht, so Lankow.

Illegale Nutzer sollten sich folgendes vor Augen halten: Rettungswagen dürfen allein nicht auf das Gelände fahren. Wer dort verunglückt, muss entweder lange warten oder wird gar nicht gefunden. Die Kutscher sind alle - seit Donnerstag auch per Vertrag - auf solche Fälle vorbereitet. Sie kennen die Nummern an den Schranken, die Zufahrten, und können im Ernstfall Rettungsdienste schneller dorthin lotsen.

Ihre Gäste in den heute wieder friedlichen Teil des Bombodroms schicken würden die Hoteleigentümer Verlando und Sylvia Konschak aus Ichlin bei Lärz in Mecklenburg-Vorpommern aber gern. Sie waren damals einer der Hauptkläger gegen die geplante militärische Weiternutzung der Heide durch die Bundeswehr. Die wollte rund 27 000 Übungsflüge pro Jahr erlauben. "Wir sind so heilfroh, dass das nicht gekommen ist", so Verlando Konschak beim Vor-Ort-Termin am Donnerstag. Von seinem Hotel aus sind es 30 Minuten mit dem Auto bis Neuglienicke.

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