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Geschnatter zwischen Feldsteinmauern

Bilderbuchgleiches Landleben: Auf dem Hof von Anni Grünberg gab es einst viel mehr Vieh. Heute tummeln sich in ihrem Garten lediglich wenige Enten und Hühner.
Bilderbuchgleiches Landleben: Auf dem Hof von Anni Grünberg gab es einst viel mehr Vieh. Heute tummeln sich in ihrem Garten lediglich wenige Enten und Hühner. © Foto: MOZ/Jörn Tornow
Annika Bischof / 01.08.2015, 08:32 Uhr
Kunersdorf (MOZ) Versteckt hinter üppigen Baumkronen liegt Kunersdorf. In dem kleinen Ort fernab der Landesstraße 168 wohnen derzeit 41Menschen. Auf meist urigen Höfen und in alten Bauernhäusern haben sie sich eingerichtet und erfreuen sich der Ruhe, die dieses Idyll ausmacht.

Gebe es eine Farbe, die zu dieser Jahreszeit, Kunersdorf am besten beschreibt, dann wäre es Grün. Von der Landesstraße 168 aus betrachtet, lassen sich lediglich üppige Baumkronen erkennen und nur die asphaltierte Dorfzufahrt verrät, dass in dem Dickicht noch mehr sein muss, als nur Natur.

Wo einst ein großes Gut stand, das 336 Hektar Nutzfläche umfasste, ist nur noch ein Dorf mit wenigen Häusern und 41 Einwohnern übrig geblieben. Das Einzige, was noch an historische Zeiten erinnert, ist ein Stück Mauer und ein ehemaliger Kuh- und Pferdestall. In ihm wohnt zur Hälfte das Ehepaar Grünberg. "Gänse gehen doch überall barfuß", scherzt Hubert Grünberg, der sich noch nie vorstellen konnte, seinen Wohnort zu verlassen. Der 82-Jährige kam mit zwölf Jahren durch die Kriegswirren in den kleinen Ort, der seitdem nie mehr als 50 Einwohner zählte, wie der einstige Imker berichtet. 62 Jahre lang hat er nahe seinem Hof, den Bienen umliegende Wiesen schmackhaft gemacht und Honig produziert. Zusammen mit seiner Frau Anni, die hier vor 77Jahren geboren wurde, zog er zwei Kinder in dem alten Kuhstall groß, indem schon lange keine Tiere mehr gehalten werden. Nur im Nebengebäude hält sich das Rentnerpaar Enten und Hühner. "Zwei Katzen haben wir auch noch", fügt Hubert Grünberg hinzu.

Die andere Hälfte des historischen Gebäudes bewohnt Romy Breitsprecher zusammen mit ihrem Freund. Vor elf Jahren ließ sich das junge Paar in dem Idyll nieder und sitzt gern bei den Nachbarn mit im Garten. "Dann erzählen die beiden Geschichten von früher. Das ist sehr interessant", sagt die 39-Jährige, die ein Faible für die Historie des Ortes hat. Den brüchigen Absatz zu ihrer hölzernen Gartentür zum Beispiel erhält sie bewusst. "Das ist original", weist sie hin, als sie auf die klappernden Stufen tritt.

Für Ortsvorsteher Jürgen Wulff, der in Pfaffendorf wohnt und zu dem Kunersdorf zählt, ist ein Ausflug in den kleinen Ort eine willkommene Abwechslung. "Ein Rundgang dauert hier für gewöhnlich nicht länger als zehn Minuten", berichtet er und läuft die einzige Straße des Dorfes entlang. In großzügigen Abständen reihen sich über 100Jahre alte Bauernhäusern aneinander. Dazwischen immer wieder die freie Sicht auf viel Grün. "So sah es bei uns auf dem Hof auch mal aus", erzählt Lothar Lange, der gerade ein Beet in seinem Garten verschönert. Viele Bäume spendeten einst so viel Schatten auf seinem vor neun Jahren erworbenen Grundstück, dass es richtig dunkel war. Deshalb habe er einige der Riesen gefällt und zugleich den Blick auf das urige Bauernhaus frei gemacht, in dem er zusammen mit seiner Frau Bärbel die Wochenenden verbringt. "Zusammengefasst ist in Kunersdorf tote Hose. Es ist ruhig und idyllisch", bringt es Bärbel Lange auf den Punkt. Doch sie schätzt ihr Wochenenddomizil gerade deswegen und der Nähe zu ihrem Heimatort Berlin. "Das sind ja nur rund 45 Minuten", bekräftigt ihr Ehemann.

Nur wenige Meter weiter ist auch schon Schluss in Kunersdorf. Feldwege verraten, dass es hier zwar weitergeht, aber wie weit tatsächlich, wissen nur Ortskenner wie Jürgen Wulff. "Rund 3,5 Kilometer von hier, dann ist man an der Spree", zeigt er in eine Richtung, wo ein hiesiger Wald beginnt. Über einen anderen Abzweig gelangt man zu einer üppig grünen Allee, die von den Kunersdorfern nur "Krummer Weg" genannt wird.

Sie galt einst als Verbindungsstraße in den Nachbarort. "Dort bin ich früher als Junge entlang, um zur Schule nach Pfaffendorf zu gehen", plaudert Hubert Grünberg aus dem Nähkästchen. Doch mit der asphaltierten Anbindung zur Landstraße blieb das seinen eigenen Kindern später erspart. "Rund zehn Kinder aus Kunersdorf sind damals mit dem Bus zur Schule nach Görzig gefahren", erzählt der Rentner. Sein eigener Schulweg hat sich unterdessen die Natur wiedergeholt.

Von viel Grün umgeben ist auch der kleine Friedhof in Kunersdorf, der über die Jahre in Vergessenheit geraten war. "Als hier eine Umzäunung vor rund zwei Jahren aufgestellt wurde, kamen unter dem Efeu alte Grabsteine zum Vorschein", berichtet Jürgen Wulff. Der Name Edwin von Gersdorff ist auf einen blassen Stein nur schwer zu entziffern. "Dessen Familie war lange Zeit Besitzer des Gutes", weiß der Ortsvorsteher zu berichten. Doch mit der Enteignung nach 1945 und der damit verbundenen Bodenreform, verlor die Familie an Einfluss in Kunersdorf. Ihr Eigentum wurde an sechs Gutsarbeiter und acht Umsiedler sowie vereinzelt an Einwohner von Pfaffendorf vergeben.

Erinnerungen an diese Zeit hat selbst das Ehepaar Grünberg, die zu den Ältesten im Ort zählen, kaum noch. "Bei uns läuft das Zusammenleben einwandfrei", lenkt der 82-Jährige den Fokus auf die Gegenwart. Was früher war, sei geschehen, da konzentriere er sich lieber auf das Jetzt. "Es ist doch bislang immer alles friedlich verlaufen", sagt er und spricht damit für alle Kunersdorfer, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen in ihrem grünen Idyll.

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