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"Wir bewirken nichts mehr"

Erst Bürgermeisterin und heute Ortsvorsteherin. Rosemarie Daue, hier mit Enkeltochter Malin (7), liebt die Arbeit mit den Menschen in Zäckericker Loose.
Erst Bürgermeisterin und heute Ortsvorsteherin. Rosemarie Daue, hier mit Enkeltochter Malin (7), liebt die Arbeit mit den Menschen in Zäckericker Loose. © Foto: Heike Stachowiak
Heike Stachowiak / 20.09.2015, 04:15 Uhr
Zäckericker Loose (MOZ) Mit dem wiedervereinten Deutschland feiern in diesen Tagen auch Gemeindevertreter in der Region ihr 25-jähriges Dienstjubiläum. Die Märkische Oderzeitung stellt sie in loser Folge vor, schaut mit ihnen zurück und nach vorn. Heute: Rosemarie Daue, Ortsvorsteherin von Zäckericker Loose.

Heute genießt Rosemarie Daue den Ruhestand auf dem Gehöft ihrer Schwiegereltern, nimmt sich Zeit für ihre Enkelkinder Malin (7) und Inken (10) und vor allem für die Leute im Dorf. Jetzt könne sie sich auch mal schnell aufs Rad schwingen, um mit den Leuten vor Ort Probleme zu besprechen. Das sei bis vor zwei Jahren, als sie noch berufstätig war, nicht immer möglich gewesen.

Ja, natürlich könne sie sich noch genau erinnern, wie sie zur Bürgermeisterin wurde. "Klaus Albert von Neurüdnitz hatte den Posten mit dem Ausscheiden des alten Bürgermeisters kommissarisch mitgemacht. In einer Gemeindevertretersitzung hat er dann gesagt, dass für ihn jetzt Schluss ist und die Frage gestellt, wer es denn übernehmen würde", erzählt Rosemarie Daue. Keiner meldete sich. "Und um dem Spiel ein Ende zu machen, hatte ich mich bereit erklärt, den Posten vorübergehend zu übernehmen." Daraus sind inzwischen 25 Jahren geworden. Heute denkt sie übers Aufhören nach. Nicht das erste Mal.

Als sie als Bürgermeisterin und Gemeindevertreterin von Zäckericker Loose anfing, gab es im Dorf noch einen Kindergarten, den Konsum, als "Umschlagplatz für Neuigkeiten", wie sie schmunzelnd sagt, und die Feuerwehr. Davon existiert heute nichts mehr. Wie in allen anderen Dörfern im Oderbruch auch. Doch Rosemarie Daue ist deswegen nicht verbittert. Sie lebt gern in dem 150-Seelen-Dorf, idyllisch gelegen mit unmittelbarer Nähe zur Oder. Großen Leerstand habe es in all den Jahren nicht gegeben. Darauf ist sie stolz. Auch heute seien, bis auf das Gebäude der alten Schule, alle Häuser bewohnt. Jüngere Familien seien in den Ort gezogen. Unter den "Neuen" sind unter anderem drei Ärzte. "Es gibt ein schönes Miteinander. Keiner ist Außenseiter", sagt Rosemarie Daue.

Das kann sie auch immer wieder bei dem jährlichen Dorffest feststellen. Das organisiert die 65-Jährige zwar allein, doch könne sie sich auf ihre Frauen verlassen. Sie brauche nicht lange zu betteln. Jeder bringe sich mit ein. Es sei wie in einer großen Familie. "Und das ist für uns als Ortsvorsteher wichtig, die Arbeit mit den Leuten. Man kennt jeden, weiß um die Familien", betont Rosemarie Daue.

"Ansonsten bewirken wir nichts mehr", bedauert sie. "Als ich angefangen habe, da konnten wir in der Gemeindevertretung noch selbst entscheiden. Zum Beispiel über den Bau der Wasser- und Gasleitung bzw. der Bürgersteige. Da konnte man noch sehen, dass sich etwas entwickelt", schwingt ein wenig Resignation in ihren Worten mit.

Seit Anfang der 1990er gehört Zäckericker Loose als Ortsteil von Altreetz zum Amt Barnim-Oderbruch und seit der letzten Gemeindegebietsreform zur Großgemeinde Oderaue. "Im Amtsausschuss werden zwar Probleme der Gemeinde angesprochen, doch Lösungen gibt es selten", sagt sie. "Und dann kommt man ganz aufgewühlt nach Hause, ärgert sich, weil sich nichts ändert und braucht zwei Stunden, um wieder herunterzukommen." Am meisten ärgert es sie, dass den Gemeinden nur noch etwas übergestülpt wird, ob es denen passt oder nicht. Sie denkt dabei an die Landesstraße 281, die jetzt zur Gemeindestraße herabgestuft wird. "Wozu sollen wir dann noch abstimmen, wenn es sowieso gemacht wird. Das sind solche Sachen, wo ich denke, das kann nicht sein." Und oftmals führen solche Entscheidungen auch zu Diskussionen zu Hause. "Dann fragt mich meine Familie, warum hast du dafür die Hand gehoben?"

Rosemarie Daue spricht davon, machtlos zu sein. "Die Probleme vor Ort landen immer zuerst auf meinem Tisch. Doch wir dürfen ja nicht mal mehr einen Kleinstauftrag auslösen. Wir dürfen uns zwar mit ganz viel Kleinkram herumärgern. Doch das Recht, etwas zu entscheiden, haben wir als Ortsvorsteher nicht", sagt sie.

Inzwischen hat sie gelernt, damit umzugehen. Früher sei sie impulsiver gewesen, habe sich öfter zu Wort gemeldet. Doch jetzt halte sie sich zurück. Nur um sich in Szene zu setzen, brauche sie nicht stundenlang im Ausschuss über eine Sache zu reden, wenn am Ende doch nichts dabei herauskomme. Doch das klappt nicht immer, zum Beispiel, wenn es um die Finanzierung des Brandschutzes geht. Da mache sie sich mit ihrer Meinung nicht immer Freunde.

Wo sie Zäckericker Loose in Zukunft sieht? "Wir fangen zwar mit "Z' an, und man sagt, wir sind immer die Letzten, wobei da auch etwas Wahres dran ist. Aber wir wollen als kleiner Ort weiter existieren", so Rosemarie Daue. Vielleicht als Erholungsort für Fahrradfahrer, Angler und Großstädter. Das wäre eine Chance für den kleinen Ort. Erste Übernachtungsmöglichkeiten gibt es bereits. Und seit dem Hochwasser sei das Interesse an der Region groß, berichtet Rosemarie Daue. Sie würde eine solche Entwicklung begrüßen. "Doch das braucht noch Zeit."

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