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Geschichte auf dem Friedhof hüten

Rostschutz und Metalllack: Klaus Vetter, Hermann Kaiser, Manfred Schäfer und Klaus-Dieter Stenzel vom Wuhdener Heimatverein (v.r.) sichern die Fragmente alter Grabtafeln, -Kreuze und -Einfassungen, die bei Bauarbeiten auf dem Wuhdener Bergfriedhof gefunde
Rostschutz und Metalllack: Klaus Vetter, Hermann Kaiser, Manfred Schäfer und Klaus-Dieter Stenzel vom Wuhdener Heimatverein (v.r.) sichern die Fragmente alter Grabtafeln, -Kreuze und -Einfassungen, die bei Bauarbeiten auf dem Wuhdener Bergfriedhof gefunde © Foto: Johann Muelle
Ines Rath / 14.05.2016, 06:33 Uhr
Wuhden (MOZ) Während in anderen Gemeinden der Seelower Region noch die Debatte über das Anlegen eines Lapidariums auf dem Dorffriedhof läuft, haben die Mitglieder des Wuhdener Heimatvereins Tatsachen geschaffen. Sie haben die auf dem Bergfriedhof des Podelziger Ortsteils gefundenen alten Grabsteine aufgearbeitet und in einem Bereich konzentriert.

"Hier ruht in Frieden Adolf Thiede - Bauer", steht auf dem Grabstein, der das Geburtsjahr 1879 und das Sterbedatum 27. Juli 1945 trägt. Auch der daneben liegende Stein ist der Wuhdener Bauernfamilie zuzurechnen. Er trägt die Namen zweier Jungen, die bereits im Kindesalter verstorben sind. Warum Johannes Adolf Thiede nur elf Jahre alt wurde, das weiß Klaus Vetter ganz genau: "Johannes wollte am 1. April 1949 mit einem Freund Blumen für die Mutter auf dem Pfeilchenberg pflücken. Dabei sind sie wohl auf eine Mine getreten. Jedenfalls gab es eine Explosion", sagt der Historiker im Ruhestand.

Er engagiert sich, wie etliche seiner Mitstreiter im Wuhdener Heimatverein dafür, Heimatgeschichte auch auf dem Friedhof zu bewahren. "Die emotionale Beziehung der Bewohner zu ihrem Dorf wächst dadurch ganz wesentlich", weiß Vetter.

Die Voraussetzungen sind für den Wuhdener Heimatverein denkbar günstig. Hat er doch vor Jahren per Nutzungsvereinbarung mit der Gemeinde Podelzig die Pflege des Wuhdener Bergfriedhofs übernommen. "In den 90-er Jahren sollte das bis auf eine kleine Fläche völlig verwilderte Areal schon entwidmet werden", erinnert sich Hermann Kaiser. Das hat der Verein verhindert und den Friedhof seitdem herausgeputzt.

Als es an die Erweiterung und Neugestaltung der deutschen Kriegsgräberstätte auf dem Bergfriedhof ging, auf dem vor allem die bei Klessin gefundenen Kriegstoten bestattet werden, baten die Mitglieder des Heimatvereins die Bauarbeiter der Podelziger Firma Scheffler, Fundstücke beiseite zu legen. Es kamen etliche zutage.

"Es handelt sich zumeist um Fragmente gusseiserner Grabplatten und Grabkreuze von Anfang des 19. Jahrhunderts in Wuhden Geborenen", berichtet Hermann Kaiser. Das älteste gefundene Grabplatte gehörte dem 1812 geborenen "taubstummen Bauernsohn" Gottfried Kaul. "Grabsteine und -Kreuze verrieten einst deutlich mehr über die Verstorbenen als das heute üblich ist", resümiert Klaus Vetter. Doch die im kleinen Lapidarium am Rande des Bergfriedhofs, hinter der Kriegsgräberstätte aufgestellten oder abgelegten Steine, Kreuze und Grabeinfassungen geben auch Einblick in die Geschichte der Handwerkskunst, in Vermögensverhältnisse der Hinterbliebenen und die "Friedhofsmode" vergangener Tage.

"Reich verzierte gusseiserne Grabplatten, wie die des Bauernsohnes Gottfried Kaul künden von wohlhabenden Eltern", sagt Hermann Kaiser. Das Sterbedatum ist übrigens nicht zu erkennen - es wurde heraus geschossen. Überhaupt ist kaum eines der Fundstücke unversehrt. Einschusslöcher und abgetrennte Teile künden vom Geschehen zum Kriegsende auf dem Friedhof und in seinem Umfeld.

"Wuhden war zur Festung erklärt und der Friedhof das letzte Hindernis für die anrückende Rote Armee vorm Dorf", erklärt Klaus Vetter. Hermann Kaiser zeigt auf eine Mulde, die direkt hinterm Lapidarium, am Ende des Friedhofs verläuft - die Reste eines Schützengrabens, in den sich die Angreifer eingegraben hatten.

Die Mitglieder des Wuhdener Heimatvereins haben die Fragmente gesichert und gesäubert, Metallteile mit Rostschutz und Lackfarbe vor weiterer Zerstörung geschützt. "Die Wuhdener hatten Glück: In anderen Dörfern ringsum, wie in Reitwein, sind Metallteile wie diese von Friedhöfen genommen und der Rüstungsindustrie zugeführt worden", sagt Kaiser mit Blick auf die gusseisernen Grabumrandungen im Lapidarium. Die Vereinsmitglieder haben sie gut befestigt aufgestellt.

Was die Begräbniskultur betrifft, so fällt auf, dass gusseiserne Grabkreuze zu Beginn des 20. Jahrhunderts groß in Mode waren. Doch auch Glas wurde verwendet, wie eine Grabplatte zeigt, in die die Schrift eingeätzt und teils vergoldet worden ist.

Seit das Gestrüpp verschwunden ist, sieht man auch wieder, wie groß der Wuhdener Bergfriedhof einmal war. Hermann Kaiser führt uns zu vier von Efeu bewachsenen alten Grabanlagen im hinteren Zipfel der Anlage. "So weit war der Friedhof belegt", sagt der Wuhdener. Er erinnert daran, dass das Dorf, in dem heute etwa 70 Menschen zu Hause sind, in Blütezeiten rund 250 Einwohner hatte.

Dass das Lapidarium nur eine Form ist, Heimat- und Familiengeschichte auf dem Friedhof zu bewahren, zeigen die rührigen Mitglieder des Wuhdener Vereins an einer anderen Stelle. Hier sind die Reste des Grabsteins der im Juli 1897 verstorbenen Auguste Kolle auf das Familiengrab ihrer Nachfahren aufgeklebt worden.

Dass auch dessen gesetzliche Liegezeit längst überschritten ist, stört die ehrenamtlichen Friedhofs-Betreuer ebenso wenig wie die Tatsache, dass es keinen Nutzungsberechtigten mehr für die Anlage gibt. Die Mitglieder des Heimatvereins gewährleisten, dass die Steine entweder noch sicher stehen oder andernfalls hingelegt werden. Und Platz ist auf dem Wuhdener Bergfriedhof schließlich noch genug.

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