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Spinner, Korbmacher und Urlauber

Unter alten Birnenbäumen: Sowie vor dieser ehemaligen Korbmacherei Reetz standen bis 1964 vor fast jedem Sydowswieser Haus zwei Birnenbäume. Sie mussten fast alle weichen. Bei diese beiden jedoch ließ es der Besitzer nicht zu.
Unter alten Birnenbäumen: Sowie vor dieser ehemaligen Korbmacherei Reetz standen bis 1964 vor fast jedem Sydowswieser Haus zwei Birnenbäume. Sie mussten fast alle weichen. Bei diese beiden jedoch ließ es der Besitzer nicht zu. © Foto: Matthias Lubisch
Ulf Grieger / 11.06.2016, 06:50 Uhr - Aktualisiert 11.06.2016, 17:31
Sydowswiese (MOZ) Vor 250 Jahren wurden die Spinnerdörfer im Oderbruch gebaut. Ein Jubiläum, das in den sieben dabei entstandenen Orten unterschiedlich begangen wird. Die Märkische Oderzeitung schaut sich in einer Sommerserie in den einst als Spinnerdörfern angelegten Siedlungen um. Heute: Sydowswiese

Die Spinnerfamilien, die vor 250 Jahren in schlichten Arbeiterhäusern mit wenig Land auf Sydows Wiese angesiedelt wurden, konnte sich zumindest landschaftlich nicht beklagen: Am Nordkap des Kalenziger Polders gelegen, blieben die meisten auch noch dort, als es mit der Blüte des Berliner Lagerhauses vorbei war und sich um 1800 das Schafwollspinnen wegen der Baumwollkonkurrenz aus England nicht mehr lohnte. Die Spinner, die ohnehin Wohnwerkstätten hatten, stiegen auf andere Gewerke um. "Auf jedem zweiten Hof hatte ein Korbmacher seine Werkstatt" berichtete Klaus Brauer, der 1933 als Sohn des Gast- und Landwirtes Franz Brauer im Dorf geboren ist. Viele der Korbflechter hatten zudem noch weitere Gewerke. Sie fertigten je nach Auftragslage auch Holzschuhe, schlachteten Schweine oder waren Schneider, Gärtner, Fischer oder Händler.

Die Spinnerdörfer werden 250. MOZ spaziert in diesem Sommer durch.
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250 Jahre Sydowswiese

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Wie es einstmals in der Sydowswieser Dorfstraße ausgesehen hat, das lässt sich heute nur erahnen. Denn der letzte Krieg tobte in dem kleinen Dorf hinter dem neuen, ab 1939 von Kriegsgefangenen erbauten Deich besonders heftig. Wochenlang wechselten dort die Frontlinien. "Wie Misthaufen lagen danach die Munitionsreste herum", erinnert sich Klaus Brauer, dessen Vater gemeinsam mit Paul Scherzer, Otto Ewald und sechs anderen am 22. Mai 1945 beim Abtransport der Munition ums Leben gekommen war. Seit vorigem Jahr erinnert eine Tafel in Sydowswiese an die Kriegsopfer des Dorfes. Und auch die Gedenktafel für die Gefallenen des ersten Weltkrieges wurde nach der Wende wieder auf den Sockel gehoben, nachdem sie die DDR-Zeit unter Efeu versteckt an der dicken Friedhofseiche überdauert hatte.

Uralte und sanierte Fachwerkhäuser sowie Siedlungshäuser aus dieser Zeit und nach der Wende gebaute prägen heute das Dorfbild. Die meisten sind herausgeputzt und in etlichen wohnen Berliner, die sich auf ihre ganz spezielle Weise ins Dorfleben einbringen. Manche sind auch ganz hingezogen wie Ilse Müller mit ihrem Mann. Bis 1999 war das letzte Sydowswieser Haus ihr Wochenendquartier, seither leben sie dauernd dort. Ortsvorsteher Botmer Mischke freut sich über jeden der rund 50 Einwohner im Alter von drei bis 88, die das Dorf beleben. Schon weil jeder dazu beiträgt, dass die Grundstücke nicht verfallen. Gerade jetzt in Vorbereitung der 250-Jahr-Feier zeigen sich auch die Potentiale der neuen Kolonisten, die mit ihren Ideen bei der Vorbereitung helfen. Amüsiert berichten die Sydowswieser von einem Computerfachmann, der es genießt, dass es so schlechter Internetverbindung gibt. Ist er in Sydowswiese, schaltet er so richtig ab, züchtet Radieschen und genießt mit der Familie den Garten.

Für den Maskenbildner Wolfgang Utzt, der seit langem im Dörfchen wohnt, ist Sydowswiese stets ein Ort, um kreativ sein zu können. Er hatte kürzlich in Sophienthal einen Vortrag gehalten und sich über das große Interesse seiner Nachbarn gefreut: "Es war wie ein großes Familientreffen. Ich bin so froh, dass ich das gemacht habe", sagte er zum Rundgang.

Die nächste Spinnerdorf-Wanderung beginnt am Mittwoch, 15. Juni, um 9 Uhr im Buschdorfer Ortsteil Baiersberg. Treff ist die Bushaltestelle.

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