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Nauen, ein Jahr danach

An der Stelle der vor einem Jahr abgebrannten Sporthalle stehen die ersten Stützen für einen Neubau.
An der Stelle der vor einem Jahr abgebrannten Sporthalle stehen die ersten Stützen für einen Neubau. © Foto: Achilles
Stephan Achilles / 25.08.2016, 21:51 Uhr
Nauen (MOZ) Genau vor einem Jahr, in der Nacht zum 25. August 2015, ging die Sporthalle am Nauener Oberstufenzentrum in Flammen auf. Rund 100 Flüchtlinge, die dort ein vorübergehendes Notquartier beziehen sollten, mussten an anderer Stelle untergebracht werden. Für etwa 1.000 Schüler gab es nur noch eingeschränkten Sportunterricht, Freizeitsportler verloren ihre Anlage.

Die mutmaßlichem Brandstifter, sechs Männer aus der rechtsextremen Szene um den Nauener NPD-Mann Maik Schneider werden sich in wenigen Wochen vor dem Potsdamer Landgericht verantworten müssen. Der Brandanschlag ging bundesweit durch Presse und Nachrichten. Nauen bekam den Stempel einer "braunen Stadt". Das will die übergroße Mehrheit der Nauener nicht auf sich sitzen lassen. Aufgerüttelt durch den Brandanschlag, kam es zu einem Zusammenschluss der demokratischen Kräfte gegen Rechtsextremismus und Fremdenhass.

Ein Jahr nach dem Brandanschlag haben die Willkommensinitiative Nauen und der Humanistische Freidenkerbund Havelland zu einer Gesprächsrunde im Rathaus eingeladen. "Was ist seitdem passiert? Was hält uns zusammen? Wie geht es weiter?", mit diesen Fragen eröffnet Dr. Volker Müller die Veranstaltung im Rathaussaal. Gekommen sind 20 Personen, darunter drei Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung. In Anbetracht der Bedeutung des Themas für die Stadt sind das nicht gerade viele, stellen die Akteure in der Runde fest. Bürgermeister Detlef Fleischmann (SPD) sieht 2015 als eines der ereignis- und lehrreichsten Jahre in seinem Leben. "Selbsternannte Patrioten haben mit vorsätzlicher Brandstiftung in diesem Land mehr Schaden als eine Naturkatastrophe angerichtet, dabei aber auch den Aufstand der Anständigen bewirkt", sagt er. "In dieser Stadt hat sich etwas bewegt. Die Nauener wollen als Bürger einer weltoffenen, friedlichen Stadt wahrgenommen werden." Einige von denen, die darauf hinarbeiten sitzen im Saal. Monika Bark vom Behindertenverband verspricht weitere Unterstützung für behinderte Migranten. Eine Arbeitsgruppe "Humanistische Flüchtlingshilfe" hat sich im Freidenkerbund gegründet und sorgt für Sprachunterricht. Als Lehrerin setzt sich Susanne Schwanke-Lück für mehr Kontakte mit den Flüchtlingen ein. Ein Mobiles Beratungsteam des Potsdamer demos-Instituts unterstützt Städte und Gemeinden bei der Bewältigung der Flüchtlingsproblematik. Laura Schenderlein und Thomas Weidlich sehen in Nauen eine veränderte Stimmungslage, "weil die Anständigen Gesicht gezeigt haben".

Andrea Johlige (Die Linke) und Oliver Kratzsch (SPD) mahnen jedoch. "Die Nazi-Strukturen in Nauen sind noch vorhanden. Wir dürfen das nicht kleinreden. Nur wenige Nauener sind wirklich aktiv gegen Rechts. Die politischen Akteure sollten mehr Farbe bekennen und gegen Fremdenhass auftreten", meint die Landtagsabgeordnete Andrea Johlige. Oliver Kratzsch sieht eine latente Fremdenfeindlichkeit in der Bevölkerung und wünscht sich eine aktivere Willkommensinitiative und mehr Gelegenheiten zu Begegnungen mit den Flüchtlingen - zum gegenseitigen Kennenlernen. Rund 150 Asylbewerber sind gegenwärtig im Übergangsheim am Waldemardamm untergebracht. Betrieben wird die Unterkunft von den "Johannitern". Heimleiter Werner Müller war anfangs skeptisch, ist nun aber zuversichtlich. "Es läuft super und es gibt eine gute Zusammenarbeit mit freiwilligen Helfern", betont Angelika Steckler-Meltendorf, ebenfalls von den "Johannitern". Bürgermeister Fleischmann und Dr. Volker Mueller vom Freidenkerverband sehen viele Aufgaben für die Zukunft. "Leider ist die Fremdenfeindlichkeit in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Andersdenkende schweigen viel zu oft", betont Fleischmann. "Mehr aufklären, warum die Menschen Hilfe brauchen. Nicht abschotten sondern reden. Aufklärung auch in den Schulen ist gefragt", fordert Mueller. "Natürlich gilt es dabei, die soziale Lebenslage aller Nauener im Auge zu behalten. Sozial Schwache dürfen auf keinen Fall benachteiligt werden." Ganz wichtig seien auch eine Verbesserung der Streitkultur und der Zusammenhalt bei der Lösung der bevorstehenden Integrationsaufgaben. Mehr gemeinsame Veranstaltungen und Begegnungen mit den Migranten sind notwendig, um das gegenseitige Verständnis zu befördern.

Ein Jahr nach der Brandstiftung hat sich in Nauen viel zum Guten verändert. Viele sind aufgewacht und helfen. Dennoch, eine latente Skepsis, verbunden mit einem unterschwelligen Alltagsrassismus ist verbreitet. Sie gilt es zurückzudrängen.

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