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Wissenschaftsministerium förderte Projekt / Arbeitsinitiative Letschin realisierte Vorhaben / Einweihung zur 3. Kleinen Friedensfahrt

Geschichte am Deich erlebbar gemacht

Ulf Grieger / 29.08.2016, 18:23 Uhr
Sydowswiese/Nieschen (MOZ) Am 4. September startet die dritte Kleine Friedensfahrt über den Neuen und Alten Deich zwischen Sydowswiese und Nieschen. Die Aktion der Gemeinden Letschin und Bleyen-Genschmar sowie der Märkischen Oderzeitung wird vom Deichverband sowie der Arbeitsinitiative Letschin unterstützt.

Bereits vor vier Jahren hatte der Ortsbeirat von Sophienthal beschlossen, an der Wanderschutzhütte Sydowswiese an den Oberdeichinspektor Simon Leonard von Haerlem zu erinnern. Hintergrund war die Würdigung des Kulturerbes Oderbruch in Zeiten zunehmender Naturierungswünsche einiger politischer Kräfte. Durch Zeitzeugenberichte und Recherchen kam zudem ein zweites Projektthema zum Tragen: die Erinnerung an den Bau des "Neuen Deiches" durch rekrutierte Jugendliche des "Reichsarbeitsdienstes" (RAD) und durch Zwangsarbeiter verschiedener Nationalitäten von 1938 bis 1945. Insgesamt sechs Informationstafeln sind entstanden, die zur dritten Auflage der "Kleinen Friedensfahrt" eingeweiht werden. Und zwar am Beginn des Neuen Deiches in Nieschen und an der Schutzhütte "Von Haerlem-Blick" in Sydowswiese.

Ermöglicht wurde das Projekt zum einen durch den hohen persönlichen Einsatz des Geschäftsführers der Arbeitsinitiative Letschin, Horst Müller, und seiner Mitarbeiter sowie Dank Förderung durch das Brandenburger Ministerium für Wissenschaft und Forschung. Die Ministeriumsmitarbeiterin Petra Haustein würdigte das von der Arbeitsinitiative eingereichte Konzept als wichtig für die Erinnerungskultur vor Ort. Schließlich werde es an Hand der Informationstafeln ermöglicht, Geschichte vor Ort erlebbar zu machen. Dass die Nachforschungen längst nicht abgeschlossen sind und die Beschäftigung insbesondere mit dem Thema Zwangsarbeit während des Krieges im Oderland erst begonnen hat, steht dabei außer Frage.

Erstaunlich ist vor allem der Umstand, dass es gelungen ist, das Projekt in kürzester Zeit umzusetzen. Denn erst im Oktober 2015 hatte die erste konkrete Besprechung im Ortsbeirat stattgefunden. Im April wurden die Fördermittel bewilligt und die Arbeit konnte beginnen - mit dem Ziel, dass zur Kleinen Friedensfahrt bereits die Einweihung erfolgen kann. Mit der 27jährigen Anica Jahn, einer gelernten Bürokauffrau aus Alt Zeschdorf, und Sylvi Hartwig fand Horst Müller Mitarbeiterinnen, die das tatsächlich in der vorgesehenen Zeit geschafft haben. Horst Müller konnte auf Veröffentlichungen der Märkischen Oderzeitung ebenso zurückgreifen wie auf die Zuarbeiten aus dem Deichhaus des Landesumweltamtes in Bad Freienwalde und des Deichverbandes Oderbruch. "Es war eine sehr gute Zusammenarbeit mit Martin Porath und Günter Wartenberg", erklärt Müller. Sehr dankbar ist er dem Team des Festungsmuseums Kostrzyn/Küstrin für die Übersetzung der Texte ins Polnische und Englische. Ryszard Skalba, Julia Bork und Marcin Wichrowski haben auch noch wichtige Hinweise gegeben, wo eine genauere Formulierung Missverständnisse vermeiden kann.

Denn die Themen sind sensibel. So galt es bei der Information über das Reichsarbeitsdienstlager Nieschen deutlich zu machen, welches Instrument des Terrors nach innen, gegen die eigene Bevölkerung, der Nazistaat damit geschaffen hatte.

Das Thema Zwangsarbeit im Oderbruch, das tief bis in die Familiengeschichte heutiger Bewohner des Oderbruchs hineinreicht, ist bislang ein kaum erforschtes Terrain. Weder das Oderlandmuseum in Bad Freienwalde noch das speziell der Alltagsgeschichte im Oderbruch gewidmete Freilichtmuseum Altranft haben dazu gezielt geforscht. "Es war nicht opportun. Wir hätten dafür gar keine Fördermittel bekommen", erklärte Peter Natuschke, langjähriger Leiter des Freilichtmuseums Altranft. So sind die Informationstafeln am Deich in Sydowswiese die ersten Dokumentationen dieses Kapitels im Oderbruch. Wobei die Topografie der Zwangsarbeit sehr viel größer ist. Schließlich war seit Kriegsbeginn 1939 Landwirtschaft, Melioration und Handwerk sehr stark von den Arbeitskräften abhängig, die zumeist aus dem Stammlager Stalag IIIC Alt Drewitz bei Küstrin und seinen vielen Nebenlagern abgerufen wurden. Auch für Horst Müller, der seit 1977 im Oderbruch tätig ist, bleibt es ein Rätsel, warum selbst zu DDR-Zeiten darüber nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde: "Die Geschichten kannten viele, aber öffentlich wurden sie nie gemacht", so Müller. Auf einer der Info-Tafeln wird sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, dass der Dünkel vorangegangener Generationen, "höherwertige Menschen zu sein", eine klare Absage erhält.

Ablauf 3. Kleine Friedensfahrt am 4. September: Treff 9.50 Uhr am Parkplatz Dorfeingang Sydowswiese, Radfahrt/Lauf über Alten oder Neuen Deich nach Nieschen und wieder nach Sydowswiese, Einweihung Von-Haerlem-Blick und Info-Tafeln, Fahrradbestellung unter Tel. 033633 69080, per Mail: unter info@oderlandrad.de oder www.oderlandrad.de

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